Selbstverantwortung

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Schere SteckerIch hatte es ja versprochen, dass ich mit dem Thema noch einmal befasse.

Wissen Sie wie ich mich früher Rasiert habe? Mit dem Rasierpinsel, der Rasierseife und Wasser wurde Schaum erzeugt und im Gesicht verteilt. Dann nahm ich das Rasiermesser, zog es nochmal ab und schabte mir den Schaum samt Barthaaren vom Kinn. Da konnte es durchaus auch mal passieren, dass mir in die Haut ritzte. Wer war dann daran Schuld? Richtig. Ich.

Man kann sich heute wesentlich komfortabler Rasieren. Dies geht z.B. auch elektrisch. Nun gibt es doch tatsächlich Stecker zum Anschluss an die Steckdose mit einem kleinen Schild daran. Auf dem Schild ist der Stecker noch einmal abgebildet, eine Schere, die gerade den Stecker vom Kabel trennen will und das Ganze ist rot durchgestrichen. Für jeden, also auch für den, der nicht Lesen gelernt hat, ist ersichtlich, dass man den Stecker nicht abschneiden soll.

Ein guter Hinweis. Aber wer wäre denn auch auf so eine Idee gekommen? Hält uns der Hersteller für so blöd? Nein, macht er nicht. Er weiß es sogar. Solche Schilder macht man als Unternehmen nicht, weil man gern noch ein paar Kosten hätte, sondern weil die Notwendigkeit dazu besteht.

Wie wird das abgelaufen sein? Es muss also irgendeinen Idioten gegeben haben, der die Leitung tatsächlich gekappt hat. (Vielleicht wollte er den Rabatt auf alles ohne Stecker.) Das allein wäre noch nicht so schlimm. Aber offensichtlich hat er noch einen Anwalt und ein Gericht gefunden, die den Hersteller in die Verantwortung dafür genommen haben.

Jetzt macht sich dieser halt die Mühe und klebt kleine, wundersame Bildchen an seine Stecker.

Es gibt noch einige weitere Urteile, die auf den ersten Blick ganz lustig erscheinen. Bekannt ist z.B. das “McDonals Kaffeeurteil”.  Stella Liebeck kaufte 1992 im McDrive einen Kaffee und klemmte ihn sich zwischen die Beine. Der Becher kippt und sie zog sich Verbrühungen zu, welche im Krankenhaus behandelt werden mussten. Wer war dann daran Schuld? Falsch. Nicht Stella, sondern McDonalds.

Es gibt leider noch ähnliche Fälle. Ich empfehle das googlen nach “True Stella Award”. Auch wenn nicht alle Fälle, die im Internet kreisen auch authentisch sind, so sind sie doch bezeichnend dafür, dass eine Mentalität um sich greift, die Verantwortung immer auf andere abschiebt:

An den schlechten Noten meines Kindes ist der Lehrer Schuld. Dass ich beim Ausparken den anderen Pkw gestreift habe, lag daran, dass der blöd geparkt hat. Ich verstauche mir den Fuß auf einer Wanderung, dann ist der Hersteller der Schuhe und die Verwaltung der Wege dran schuld. Ich stopfe Süßigkeiten in mich rein und werde immer dicker, dann ist der Hersteller des Naschkrams schuld. Selbst wenn ich jemanden umbringe, ist wahrscheinlich die Kindheit schuld. Dass mir nach durchzechter Nacht der Kopf weh tut, muss am letzten Bier gelegen haben. – Gut, der letzte Punkt ist nicht neu.

Ich finde es erschreckend, wie wir jegliche Verantwortung für uns abgeben. Richtig erschreckend ist allerdings, dass es dafür nicht eins auf die Finger gibt. Nein, immer wieder bekommen die Leute juristische Unterstützung dabei.

Aber wo führt das hin? Bei Produkten gesellen sich z.B. zu dem anfangs genannten Bild am Netzstecker inzwischen “Sicherheitshinweise” in Buchform. Vielleicht wird man dann in Zukunft auch nur noch Stecknadeln mit einer Schutzkappe kaufen können. Dazu noch entsprechende Hinweise, dass bei der Verwendung Schutzhandschuhe zu tragen sind. Bunte Pins werden vielleicht ganz verboten, da diese leicht mit Süßigkeiten verwechselt werden können. Ich überlege auch schon, ob ich nicht bei mir zu Hause ein paar Hinweise anbringe, zur Sicherheit, damit mich niemand so leicht verklagen kann. Es gibt ja überall Gefahrenquellen. Wenn nun dem Briefträger die Klappe vom Briefkasten auf die Finger fällt. An der Haustür muss ich unbedingt die Benutzung der Klinke mit Symbolen verdeutlichen. Die Schwellen sollte ich vielleicht auch noch schwarz-gelb streichen. Sieht nicht schön aus, ist aber sicherer. Kinder sollte ich eigentlich gar nicht mehr zu mir nach Hause lassen. Was die alles verschlucken könnten?

Aber eigentlich bin ich doch auch nicht schuld, sondern andere. War doch so? Also dann:

Beim Briefkasten kann ich doch sicher den Hersteller zur Rechenschaft ziehen. Da müssten solche Dämpfer dran wie diese Absenkautomatik an den Toilettendeckeln. Bei der Tür muss da natürlich auch schon herstellerseitig was gemacht werden. Das gilt auch für die Schwellen. Da könnte überhaupt mal eine Regelung her, dass es die nur noch in schwarz-gelb geben darf. Am besten sollte das gleich eu-weit geregelt werden.

Was die Kinder betrifft, so werde ich es mit einer Belehrung und einer Unterschrift der Eltern über die möglichen Folgen eines Besuches in meinem Haus probieren. Da bin ich die Verantwortung auch wieder los.

Aber ist das denn wirklich gut, wenn für alles immer Andere verantwortlich sind?

Was gebe ich mit ab, wenn ich Verantwortung abgebe? Ich gebe auch einen Teil Selbstbestimmung ab. Wenn Andere für mich und mein Handeln verantwortlich sind, werde ich wieder zum Kind, das behütet und bevormundet wird. Ich werde abhängig von denen, die mich bevormunden.

Ein Kind wächst normalerweise aus dieser Rolle heraus. Jetzt gehört noch mehr dazu als einfach groß werden. In einer Welt, die uns vor uns selbst beschützten will, müssen wir wieder lernen Verantwortung selbst zu tragen und für die eigenen Fehler einzustehen. Dass das kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke ist, wird erst auf den zweiten Blick bewusst. Aber nur wer für sich selbst Verantwortung übernimmt, kann auch sein Leben selbst bestimmen. Das wollen wir doch immer. Tun Sie es, sonst tun es Andere!

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Ich kann den Termin leider nicht wahrnehmen.

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Falls ein paar wenige unter Ihnen sich mal vorab bei ihrem Arzt, Friseur oder Volkshochschulkurs entschuldigt haben, werden sie verwundert festgestellt haben, dass man sich dort mehr als notwendig bedankt.

Es ist eben nicht mehr selbstverständlich sich zu entschuldigen.

Wer jetzt vom Thema ablenken will, kann an dieser Stelle kurz einwerfen, dass man sich gar nicht selbst entschuldigen kann. Im Sinne des Wortes jedenfalls nicht. Die Schuld kann immer nur ein anderer von einem nehmen. Man entschuldigt sich also nicht, sondern man bittet um Entschuldigung.

Zurück zum Thema:

Es ist eben nicht mehr selbstverständlich um Entschuldigung dafür zu bitten, dass man jemand anderem Aufwand bereitet, die Zeit verschwendet, ja gar Geld kostet.

Zu Zeiten der DDR hing in der Großsteinberger Filiale der „PGH Ihr Friseur“ ein Schild mit der Aufschrift:

„Überlege ehe du hast bestellt, denn dein Nichterscheinen kostet die PGH viel Geld.“

Nun, es reimt sich zwar so halbwegs, aber für den „Heinrich-Heine-Preis“ hätte es wohl nicht gelangt.

Trotzdem hat der Dichter mit seinem kurzen Werk prägnant eine Kausalität dargestellt, die ihres Gleichen sucht. Wenn ich einen Termin vereinbare, dann bin ich zu 50% dafür verantwortlich.

Verantwortung für das eigene Handeln – noch so etwas, was langsam aus dem Bewusstsein gegraut wird. Na, dazu lass ich mich auch mal noch aus.

Jetzt geht es mir einfach darum, mal wieder klar zu machen, dass es mehr als gegebene Höflichkeit ist, einen Termin auch abzusagen, wenn man ihn nicht wahrnehmen kann.

Haben Sie in letzter Zeit versucht mal einen Augenarzttermin zu bekommen? Da müssen Sie zunächst das Jahr klären. Blöd nur, wenn zwar kurzfristig etwas frei wäre, aber der Patient es nicht für nötig gehalten hat abzusagen.

Der Arzt wird es sicher verschmerzen. Anders sieht es dagegen z.B. beim Friseur aus. Wenn da die Dauerwelle einfach nicht kommt und die Angestellte in der Zeit nur den Laden fegt, kostet das richtig Geld. Das gilt heute mehr als in der DDR. Machen Sie das mal beim Rechtsanwalt. Der schreibt Ihnen eine Rechnung, wenn er umsonst auf Sie wartet. Das dann mit weniger Not als der Friseur, aber auch mit Recht.

Warum muss es denn immer Geld kosten, damit man ein paar Regeln einhält?

Keiner mag es versetzt zu werden. Befinden wir uns nicht im Informationszeitalter? – Informieren Sie! Rufen Sie mit dem Handy an! Senden Sie eine Mail! Twittern oder Whatsappen Sie! Was auch immer, aber teilen Sie Ihrem Terminpartner mit, wenn etwas dazwischen gekommen ist! Je eher, desto besser.

Euer Karl Pfefferkorn