Verschollen

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

verschollen

Es war bei einer Familienfeier, bei einem jener Gespräche, die lediglich dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe dienen. Eines jener Gespräche, die manchmal Neuigkeiten austauschen, aber meist jedoch ältere Geschichten noch einmal auflegen.
Daran ist nichts Verwerfliches. Vor einigen Jahrzehnten war das die einzige Möglichkeit, Familiengeschichte zu bewahren und weiter zu geben. Heute gibt es Foto und Video und leider oft auch ein gebremstes Interesse an den eigenen Wurzeln. Es war, wie gesagt, bei einer dieser munteren Plaudereien, welche mehr für Breite als für Tiefe gedacht sind. Ausgerechnet da streifte uns – also mehr mich – plötzlich ein Hauch kultureller Entwicklung und offenbarte eine persönliche Lücke in der Verwendung der eigenen Muttersprache. Da aber die Gesellschaft nicht bereit und willig war, von Trivialthemen, wie Nachbars Katze, beinahe umgefallenen Handfegern oder ähnlich interessantem Geschichtsgut abzuschwenken, blieb die Chance ungenutzt.

Ich lade daher nun den geschätzten Leser und die geschätzte Leserin ein, sich kurz mit dem Thema zu befassen:

Jeder kennt den Begriff “verschollen”. Spätestens seit Tom Hanks’ Glanzleistung im gleichnamigen Film assoziiert man nicht mehr nur die letzte Nachricht zum Verbleib eines Verwandten im Krieg damit.
“Er ist verschollen”. Aber wie lautet dazu das korrekte Verb? Wie heißt es, wenn ich es gerade aktiv durchführe? “Ich verscholle gerade.”?
Erster Ansatz: Wie wäre es mit der Parallele zu “verglühen”? “Er ist verglüht”. Dann wäre das Verb “glühen” und es heißt “ich glühe”.
Dies wäre dann bei “verschollen”, “schollen” und “ich scholle”. Was soll das denn sein? – Unsinn!
Nun teilt sich sicher die Leserschaft in drei Teile. Die ersten werden schon aus Desinteresse weggeklickt haben. Schönen Tag noch! Ein zweiter, kleinerer Teil wird sich wissend zurück gelehnt haben. Respekt! Für alle anderen habe ich die Auflösung. “Verschollen” kommt von “verschallen”, “Schall”. Es bedeutet soviel wie “klingen”, “verklingen”,“verklungen”. “Ich schalle”, “ich verschalle”, “ich bin verschollen” und habe aufgehört, gehört zu werden, wie ein Lied, das zu Ende ist. Es ist zwar weg, aber keiner weiß, wohin.
Ich finde, das ist ein sehr prosaisches Stück Muttersprache, was es sogar wert wäre, Stoff für die eine oder andere Unterhaltung zu liefern.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Idiotenapostroph

idiotenapostrophAus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Klein ist er, der Apostroph. Vielleicht gerade mal so groß wie ein Komma. Der Punkt ist kleiner. Sonst nichts. Wichtig ist er eher weniger (im Vergleich zu einem Komma). Sein deutscher Name lautet „Auslassungszeichen”. Wer möchte schon so heißen? Er hat die Position des Deppen, der für andere losgeschickt wurde, die selber nicht los wollten. Und weil man es mit so einem eben machen kann, wird er auch ständig missbraucht und gar zu Veranstaltungen geschickt, zu denen gar keiner geladen war (bildlich gesehen). Da hängt dann der Apostroph ‘rum und weiß gar nicht, was er da soll. Wer schon einmal in ähnlicher Situation war, kann das dem Apostroph sicher nachfühlen.

„Was machst du denn hier?“ –  „Ich bin nur stellvertretend da.“ – „Und für wen?“ – „Tja, weiß ich auch nicht.”

Dann wird er beinahe rot, unser kleiner Apostroph, und er schämt sich, weil er ausgelacht wird.

Auch wenn der deutsche Begriff nicht sehr nett ist, ist er doch sehr treffend. Der Apostroph steht für einen oder mehrere Buchstaben, die selber nicht kommen konnten.

Meist passiert sowas, wenn es schnell gehen soll. Dann schaffen es die dickeren Buchstaben nicht alle rechtzeitig. Die Worte werden zusammengezogen und einer passt nicht mehr dazwischen. Der kleine Apostroph geht gerade noch in die Lücke.

Beispiel: Ihnen tritt jemand auf den Fuß. Sie werden sich nicht mit einem „Geht es noch?“ umfassend bedanken, sondern ihm ein „Geht’s noch?“ wütend an den Kopf werfen. Das „e“ ist raus.

Die Kombination Apostroph + „s“ ist daher sehr häufig anzutreffen. „Stimmt’s?“ Allerdings ist das so häufig, dass eine von mir nicht näher mit Attributen geschmückt werden wollende Rechtschreibreform dem armen Apostroph seinen Platz nimmt. Wer mag, kanns hier auch weglassen. Naja, wer’s mag.

Bei in Schriftform gebrachter Umgangssprache sieht das besser aus. Hier setzt man immer ein Apostroph für weggelassene Buchstaben: „Was’n los? Gib ma’n EURO!”

Dann war da noch der Genitiv. Hier hängt man ja oft ein „s“ an. „Dieters Hose”. Wer nun meint, zwischen den „Dieter“ und seiner „s Hose“ noch ein Apostroph quetschen zu müssen, liegt völlig daneben, weil eben da kein Buchstabe weggelassen wird. Das ist der Fall eines klassischen Idiotenapostrophs.

Es gibt aber noch eine Steigerung und die las ich vor Kurzem: “Bambini’s”

“Was, bitteschön, ist das denn?”, fragt sich da der Italiener. Das “Kind” heißt auf italienisch “bambino”. Die Mehrzahl “Kinder” heißt “bambini”. Nach dem “i” ist Schluss. Da kommt kein “s” mehr dran und schon gar kein Apostroph.

Im Prinzip ist es also einfach. Lasse ich einen Buchstaben weg, setze ich dafür ein Auslassungszeichen.

Doch da war noch eine von mir nicht näher mit Attributen geschmückt werden wollende Rechtschreibreform, die sich dem Mutterland der westlichen Hochkultur schlechthin offensichtlich verpflichtet fühlt. Dem Land, in dem beim Essen die linke Hand auf dem Tisch nichts mehr zu suchen hat. Dem Land, in dem Kinder Waffen tragen dürfen, vor dem Anblick nackter Körper aber geschützt werden müssen. Von dort hat man übernommen, dass ein Idiotenapostroph beim Genitiv auf gewerblichen Namensschildern durchaus gestattet ist: An „Rudi’s Saufstube“ hat kein Germanistikprofessor mehr ein Recht auf Kritik. Für welche(n) Buchstaben der Apostroph hier steht, kann er dem armen kleinen Ding aber sicher auch nicht erklären.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Besinnliche Weihnachten

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Das ist ein schöner Spruch und wird gern genommen. “Besinnlich” synonymt der Duden mit “nachdenklich”. Wünscht man jemandem eine “nachdenkliche Weihnacht”, würde man zumindest einen nachdenklichen Gesichtsausdruck ernten, dem man ablesen könnte, dass die Gedanken um die Zurechnungsfähigkeit des Wünschenden kreisen.

So etwas macht man ja auch nicht. Im gesellschaftlichen Miteinander benutzt man die gleichen Floskeln. Das gehört sich so und dient dem Erhalt der Gesellschaft als solches. Da sollte man nicht ausbrechen. Auch wenn der Eine oder Andere die Rituale manchmal über hat.

Es ist somit auch wichtig, dass wir uns daran halten, uns gegenseitig mit den gleichen Jahresendsprüchen zu überhäufen. Es muss auch nicht zwingen so gemeint sein. Das erwartet ja auch keiner.

Es ist quasi wie das Geschnatter der Wildgänse beim Flug in den Süden vor einigen Wochen. Sie kennen das Geräusch? Die eine Gans mach: “Naak” und die nächste antwortet: “Naak”.

Stellen Sie sich vor, die eine Gans macht plötzlich “Kikeriki”. Wahrscheinlich würden mindestens drei aus der V-Formation herunterfallen.

(Ein Umstand, der uns zum Weihnachtsfest sicher gelegen käme.)

Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch gering. Die Gänse werden nicht aus ihren gesellschaftlichen Konventionen brechen und auch weiterhin “Naak” schnattern.

Was hätte so eine Gans davon, sich auszuklinken? Stellen Sie sich mal so eine “Austeigergans” vor: “Och nö, jedes Jahr die ganze Tour in den Süden. Da hab’ ich keinen Bock drauf. Weihnachten wieder nur das alberne Geschnatter der Verwandten: ‘Ach bist du groß geworden. Ich weiß noch genau als du das erste Mal mit geflogen bist…’ und dann kommt Onkel Guido wieder mit seinen alten Sprüchen. Der will immer witzig sein und hat schon solches Alzheimer, dass er die Pointe vergisst. Nee, da bleib ich lieber mal hier. Macht ihr nur los. Ich komm schon klar.”

Was würde mit der Gans passieren? Sie würde allein definitiv eingehen. Sie wäre leichte Beute in einer feindlichen Umgebung. Sie macht es daher auch nicht, sondern fliegt mit der Gruppe “Naak” jedes Jahr in den Süden.

Wir Menschen allerdings beschweren uns über unser Schicksal als Individuum in einer Gesellschaft. Je weiter uns die Gesellschaft aus dem Leben auf Bäumen, dem Jagen nach und dem Weglaufen als Futter entfernt hat, umso mehr streben wir nach so genannter Unabhängigkeit.

Welcher Mensch ist wirklich unabhängig? Unabhängig ist ein Mensch doch dann erst, wenn er andere Menschen und somit die menschliche Gesellschaft nicht benötigt.

Das wollen Sie nicht wirklich.

Robinson Crusoe kam da schon ganz nah ran, aber selbst dieser konnte auf einige Werkzeuge aus menschlicher Produktion zurück greifen. Und fragen Sie Herrn Crusoe mal, ob er seine Lage für erstrebenswert hielt!

Das meinen Sie nicht mit “Unabhängigkeit”? Sie meinen, dass Sie alles kaufen können und niemanden fragen müssen, und machen können, was Sie wollen. Das ist Unabhängigkeit?

Das ist zwar ein wünschenswerter Zustand für ein Individuum, aber damit ist man kein Unabhängiger, sondern im Gegenteil, ein Schmarotzer. Das ist alles nur möglich, wenn einem eine ganze Gesellschaft dies ermöglicht. Dann ist man aber sowas von abhängig.

Bevor mir jetzt alle politisch Linken zu viel Beifall klatschen, möchte ich noch anmerken, dass es aber schizophrener Weise genau die Eigenschaft des Menschen, dem Streben nach bestmöglichen Schmarotzertum ist, die die Gesellschaft so weit gebracht hat.

Es ist die menschliche Gesellschaft mit ihrer Arbeitsteilung, die uns in eine luxuriöse Welt versetzt hat, in der uns Häuser eine vom Wetter unabhängige Unterkunft verschaffen, das Essen ganzjährig verfügbar ist und Fressfeinde auf Abstand gehalten werden.

Das ist ein Umstand, den wir allzu leicht aus den Augen verlieren.

Also halten wir uns mit etwas Nachsicht an die gesellschaftlichen Rituale. Sie dienen unserem Wohlstand. Darüber lohnt es sich an den Feiertagen einmal nachzudenken.

Ich wünsche Ihnen besinnliche Weihnachten!

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Ganztagsangebot-Angebot

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Das finden Sie komisch? Doppeltgemoppelt? Aber das ist ein gängiger Begriff. Gut, meist wird der erste Teil abgekürzt. Dann heißt das “GTA-Angebot”. Wer jetzt schon zusammen gezuckt ist, hat noch einen Bezug zur deutschen Sprache und sei mir im Geiste willkommen. Denjenigen muss ich aber auch warnen. Es werden in dem Artikel noch andere schmerzvolle Beispiele geistiger Degeneration folgen. Seid gewappnet meine Freunde. Es wird hart.

Die deutsche Sprache hat einige Eigenheiten. Darunter befindet sich auch die Möglichkeit Substantive zusammen zusetzen. Dies geht im Deutschen quasi unendlich. Wir kennen das “Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsanwärterpatent” (oder so).
Dem entgegen steht unser Hang, Dinge abzukürzen. Abkürzungen sind überhaupt gerade voll im Trend. Das ist sicher der Chat- und SMS-Kultur der letzten Jahre geschuldet.
Neben alten Abkürzungen für eine Beschimpfung, wie LMAA und Parteien, welche man zum großen Teil auch abkürzt (leider nur verbal), werden auch Fernsehserien und -shows kaum noch mit dem vollen Titel genannt (Beispiel: GZSZ oder DSDS).
Stefan Raab hat das mal schön auf den Punkt gebracht mit seiner Show: SSDSDSSWEMUGABRTLAD.
Wissen Sie noch, was das hieß? Es war die Abkürzung für: “Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte und gern auch bei RTL auftreten darf”

Woher soll man denn das wissen? Das kann man sich ja nicht merken. Und genau da sind wir am Punkt angelangt. Es gibt leider sehr viele Menschen, die Abkürzungen benutzen, ohne sich des vollen Begriffes, für den die Abkürzung steht, bewusst zu sein.
Genau das passiert beim “GTA-Angebot”. Für den Begriff “Ganztagsangebot” wurde die Abkürzung “GTA” gefunden. Wem das zu kurz ist, der kann ja wieder “Ganztagsangebot” sagen oder schreiben. Aber “GTA-Angebot” ist schlicht Quatsch. Das “A” steht ja schon für “Angebot”. Eine Mischung aus Abkürzung und ausgesprochen/-geschriebener Variante geht meistens schief.

Beispiele gefällig?

Das sind so die Klassiker, welche häufig verdoppelmoppelt werden. Muss ich die Abkürzungen erklären? Wahrscheinlich schon:

  • ISBN – International Standard Book Number (klappt auch deutsch: Internationale Standard Buch-Nummer)
  • VEB – VolksEigener Betrieb
  • PIN – Persönliche IdentifikationsNummer
  • ABM – ArbeitsBeschaffungsMaßnahme

Alles mit “Nummer” am Ende scheint da besonders betroffen zu sein. Es gäbe ja da auch noch die “EAN-Nummer” (EAN – European Article Number / deutsch: Europäische ArtikelNummer). Aber die ist ohnehin Geschichte. Das heißt jetzt GTIN (Global Trade Item Number, deutsch: Weltweite HandelsArtikelNummer). Da lauert doch schon die “GTIN-Nummer”? Oder vielleicht eine “WHAN-Nummer”? Besser nicht.
Und weil wir gerade so schön dabei sind, erweitern wir auf Worte, die aus einem anderen Sprachgebiet stammen. Man sollte auch diese nur verwenden, wenn man sich deren Bedeutung sicher ist. Dann kann es nicht passieren, dass man ähnliche Doppelmoppelwörter schafft.
“La Ola” ist spanisch für “Die Welle”. Eine “Laolawelle” ist also wieder Quatsch. Die gilt auch für die “Pinnadel”, denn “pin” ist der englische Begriff für eine Stecknadel.

Wo ich allerdings bisher zu Unrecht zusammen gezuckt bin, ist die “DIN-Norm”. Ursprünglich stand “DIN” wirklich mal für “Deutsche Industrie-Norm”. Dies waren die Arbeitsergebnisse des 1917 gegründeten „Normalienausschuß für den Maschinenbau“ (NADM), wobei diese zunächst als DI-Norm abgekürzt wurden. Seit 1975 gibt steht “DIN” für “DIN Deutsches Institut für Normung e. V.” und die Normen sind dann korrekt die “DIN-Normen”.

Damit werde ich mich wohl oder übel abfinden müssen. Mit einem “GTA-Angebot”(1) allerdings nicht.

Euer Karl Pfefferkorn

(1) Beispiele auch dafür:
http://gsnaunhof.de/cms/front_content.php?idcat=7 (Menü links)
http://www.ms-brandis.de/schulleben.html (Menü oben)
http://www.lvz-online.de/region/wurzen/tennis-theater-und-technik/r-wurzen-a-35373.html (im Text)