Besinnliche Weihnachten

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Das ist ein schöner Spruch und wird gern genommen. “Besinnlich” synonymt der Duden mit “nachdenklich”. Wünscht man jemandem eine “nachdenkliche Weihnacht”, würde man zumindest einen nachdenklichen Gesichtsausdruck ernten, dem man ablesen könnte, dass die Gedanken um die Zurechnungsfähigkeit des Wünschenden kreisen.

So etwas macht man ja auch nicht. Im gesellschaftlichen Miteinander benutzt man die gleichen Floskeln. Das gehört sich so und dient dem Erhalt der Gesellschaft als solches. Da sollte man nicht ausbrechen. Auch wenn der Eine oder Andere die Rituale manchmal über hat.

Es ist somit auch wichtig, dass wir uns daran halten, uns gegenseitig mit den gleichen Jahresendsprüchen zu überhäufen. Es muss auch nicht zwingen so gemeint sein. Das erwartet ja auch keiner.

Es ist quasi wie das Geschnatter der Wildgänse beim Flug in den Süden vor einigen Wochen. Sie kennen das Geräusch? Die eine Gans mach: “Naak” und die nächste antwortet: “Naak”.

Stellen Sie sich vor, die eine Gans macht plötzlich “Kikeriki”. Wahrscheinlich würden mindestens drei aus der V-Formation herunterfallen.

(Ein Umstand, der uns zum Weihnachtsfest sicher gelegen käme.)

Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch gering. Die Gänse werden nicht aus ihren gesellschaftlichen Konventionen brechen und auch weiterhin “Naak” schnattern.

Was hätte so eine Gans davon, sich auszuklinken? Stellen Sie sich mal so eine “Austeigergans” vor: “Och nö, jedes Jahr die ganze Tour in den Süden. Da hab’ ich keinen Bock drauf. Weihnachten wieder nur das alberne Geschnatter der Verwandten: ‘Ach bist du groß geworden. Ich weiß noch genau als du das erste Mal mit geflogen bist…’ und dann kommt Onkel Guido wieder mit seinen alten Sprüchen. Der will immer witzig sein und hat schon solches Alzheimer, dass er die Pointe vergisst. Nee, da bleib ich lieber mal hier. Macht ihr nur los. Ich komm schon klar.”

Was würde mit der Gans passieren? Sie würde allein definitiv eingehen. Sie wäre leichte Beute in einer feindlichen Umgebung. Sie macht es daher auch nicht, sondern fliegt mit der Gruppe “Naak” jedes Jahr in den Süden.

Wir Menschen allerdings beschweren uns über unser Schicksal als Individuum in einer Gesellschaft. Je weiter uns die Gesellschaft aus dem Leben auf Bäumen, dem Jagen nach und dem Weglaufen als Futter entfernt hat, umso mehr streben wir nach so genannter Unabhängigkeit.

Welcher Mensch ist wirklich unabhängig? Unabhängig ist ein Mensch doch dann erst, wenn er andere Menschen und somit die menschliche Gesellschaft nicht benötigt.

Das wollen Sie nicht wirklich.

Robinson Crusoe kam da schon ganz nah ran, aber selbst dieser konnte auf einige Werkzeuge aus menschlicher Produktion zurück greifen. Und fragen Sie Herrn Crusoe mal, ob er seine Lage für erstrebenswert hielt!

Das meinen Sie nicht mit “Unabhängigkeit”? Sie meinen, dass Sie alles kaufen können und niemanden fragen müssen, und machen können, was Sie wollen. Das ist Unabhängigkeit?

Das ist zwar ein wünschenswerter Zustand für ein Individuum, aber damit ist man kein Unabhängiger, sondern im Gegenteil, ein Schmarotzer. Das ist alles nur möglich, wenn einem eine ganze Gesellschaft dies ermöglicht. Dann ist man aber sowas von abhängig.

Bevor mir jetzt alle politisch Linken zu viel Beifall klatschen, möchte ich noch anmerken, dass es aber schizophrener Weise genau die Eigenschaft des Menschen, dem Streben nach bestmöglichen Schmarotzertum ist, die die Gesellschaft so weit gebracht hat.

Es ist die menschliche Gesellschaft mit ihrer Arbeitsteilung, die uns in eine luxuriöse Welt versetzt hat, in der uns Häuser eine vom Wetter unabhängige Unterkunft verschaffen, das Essen ganzjährig verfügbar ist und Fressfeinde auf Abstand gehalten werden.

Das ist ein Umstand, den wir allzu leicht aus den Augen verlieren.

Also halten wir uns mit etwas Nachsicht an die gesellschaftlichen Rituale. Sie dienen unserem Wohlstand. Darüber lohnt es sich an den Feiertagen einmal nachzudenken.

Ich wünsche Ihnen besinnliche Weihnachten!

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Karl Pfefferkorn zieht vom Leder: Zur historischen Person

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Franz Ernst Karl Pfefferkorn war zu Lebzeiten (19.11.1897-18.08.1961) Schuhmachermeister in Großsteinberg und hatte sein Zuhause und seine Werkstatt in dem Haus in der Pomßener Straße in dem ich nun mit meiner Familie wohne. Wir sind uns nie begegnet und wir sind auch nicht miteinander verwandt. D. h. ein bisschen schon. Er war der zweite Mann meiner Urgroßmutter und da er es war, der sie als junge Witwe mit ihrer Tochter aus Chemnitz mit nach Großsteinberg brachte, hat er nicht unwesentlichen Anteil daran, dass sich die richtigen Menschen begegnet sind um mir meine Existenz zu ermöglichen. (Dankeschön!)

Auch meine Mutter verbrachte später viel Zeit im Haus des Schuhmachers und hat mir einiges über diese Zeit und einen wohl sehr humorvollen Menschen erzählt.

Dass jemand in einer Werkstatt für die Leute im Dorf Schuhe herstellt und davon seinen Lebensunterhalt bestreitet, ist heute kaum noch vorstellbar. Es war sicher nie ein Beruf, mit dem man es zu Wohlstand bringen konnte. Ohne Ziege im Stall und ein paar Quadratmeter Beetgarten zur Eigenversorgung ging es nicht.

Zu Zeiten von Karl Pfefferkorn gab es noch keine PCs, Smartphones und kein Internet. Doch gab es auch zu seiner Zeit Menschen mit den selben Eigenheiten wie heute. Also lasse ich Karl Pfefferkorn Schuhmachermeister zu Großsteinberg in der für ihn neuen virtuellen Welt „auferstehen“ und mit seiner ganz eigenen Sicht der Dinge „vom Leder ziehen“.

Jens Langhof

Übrigens: „Vom Leder ziehen“ ist eine Redensart, die sich im Sprachgebrauch für „über jemandes/etwas herziehen“ bzw. „Kritik üben“ eingebürgert hat. Im Zusammenhang mit einem, dessen Arbeitsmaterial das Leder ist, eine sicher passende Doppeldeutigkeit. Für alle, die gern mal klugscheißen: Grundsätzlich stammt die Redewendung aus der Zeit lederner Schwertscheiden. Wenn man „vom Leder zog“, legte man also sein Schwert frei und schlug dann nicht nur verbal, sondern direkt auf seinen Gegner ein.