Idiotenapostroph

idiotenapostrophAus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Klein ist er, der Apostroph. Vielleicht gerade mal so groß wie ein Komma. Der Punkt ist kleiner. Sonst nichts. Wichtig ist er eher weniger (im Vergleich zu einem Komma). Sein deutscher Name lautet „Auslassungszeichen”. Wer möchte schon so heißen? Er hat die Position des Deppen, der für andere losgeschickt wurde, die selber nicht los wollten. Und weil man es mit so einem eben machen kann, wird er auch ständig missbraucht und gar zu Veranstaltungen geschickt, zu denen gar keiner geladen war (bildlich gesehen). Da hängt dann der Apostroph ‘rum und weiß gar nicht, was er da soll. Wer schon einmal in ähnlicher Situation war, kann das dem Apostroph sicher nachfühlen.

„Was machst du denn hier?“ –  „Ich bin nur stellvertretend da.“ – „Und für wen?“ – „Tja, weiß ich auch nicht.”

Dann wird er beinahe rot, unser kleiner Apostroph, und er schämt sich, weil er ausgelacht wird.

Auch wenn der deutsche Begriff nicht sehr nett ist, ist er doch sehr treffend. Der Apostroph steht für einen oder mehrere Buchstaben, die selber nicht kommen konnten.

Meist passiert sowas, wenn es schnell gehen soll. Dann schaffen es die dickeren Buchstaben nicht alle rechtzeitig. Die Worte werden zusammengezogen und einer passt nicht mehr dazwischen. Der kleine Apostroph geht gerade noch in die Lücke.

Beispiel: Ihnen tritt jemand auf den Fuß. Sie werden sich nicht mit einem „Geht es noch?“ umfassend bedanken, sondern ihm ein „Geht’s noch?“ wütend an den Kopf werfen. Das „e“ ist raus.

Die Kombination Apostroph + „s“ ist daher sehr häufig anzutreffen. „Stimmt’s?“ Allerdings ist das so häufig, dass eine von mir nicht näher mit Attributen geschmückt werden wollende Rechtschreibreform dem armen Apostroph seinen Platz nimmt. Wer mag, kanns hier auch weglassen. Naja, wer’s mag.

Bei in Schriftform gebrachter Umgangssprache sieht das besser aus. Hier setzt man immer ein Apostroph für weggelassene Buchstaben: „Was’n los? Gib ma’n EURO!”

Dann war da noch der Genitiv. Hier hängt man ja oft ein „s“ an. „Dieters Hose”. Wer nun meint, zwischen den „Dieter“ und seiner „s Hose“ noch ein Apostroph quetschen zu müssen, liegt völlig daneben, weil eben da kein Buchstabe weggelassen wird. Das ist der Fall eines klassischen Idiotenapostrophs.

Es gibt aber noch eine Steigerung und die las ich vor Kurzem: “Bambini’s”

“Was, bitteschön, ist das denn?”, fragt sich da der Italiener. Das “Kind” heißt auf italienisch “bambino”. Die Mehrzahl “Kinder” heißt “bambini”. Nach dem “i” ist Schluss. Da kommt kein “s” mehr dran und schon gar kein Apostroph.

Im Prinzip ist es also einfach. Lasse ich einen Buchstaben weg, setze ich dafür ein Auslassungszeichen.

Doch da war noch eine von mir nicht näher mit Attributen geschmückt werden wollende Rechtschreibreform, die sich dem Mutterland der westlichen Hochkultur schlechthin offensichtlich verpflichtet fühlt. Dem Land, in dem beim Essen die linke Hand auf dem Tisch nichts mehr zu suchen hat. Dem Land, in dem Kinder Waffen tragen dürfen, vor dem Anblick nackter Körper aber geschützt werden müssen. Von dort hat man übernommen, dass ein Idiotenapostroph beim Genitiv auf gewerblichen Namensschildern durchaus gestattet ist: An „Rudi’s Saufstube“ hat kein Germanistikprofessor mehr ein Recht auf Kritik. Für welche(n) Buchstaben der Apostroph hier steht, kann er dem armen kleinen Ding aber sicher auch nicht erklären.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)