Spielregeln

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

spielregeln“Mensch ärgere dich nicht” – die Älteren erinnern sich. Für die Jüngeren erkläre ich das mal kurz: Sicher habt ihr davon gehört, dass es früher noch kein Internet, keine PCs, keine Smartphones und kein oder kaum Fernsehen gab. Vorstellen kann man sich das nur schwer, selbst wenn man in der Zeit noch aufgewachsen ist. Es stellt sich die Frage, was haben die früher mit der vielen Freizeit gemacht? Es gab u. a. eine nette Alternative, die sogar heute noch funktioniert. Gesellschaftsspiele gibt es viele. Meist sitzt man, wie der Name schon sagt, in Gesellschaft am Tisch und spielt zusammen ein Brettspiel oder mit Spielkarten. Strom braucht man höchstens zur Beleuchtung. Da gehen aber auch Kerzen.

Nö, ich will gar nicht gegen Computer und Internet wettern. Im Gegenteil, ich finde das alles toll, interessant und möchte es nicht mehr missen. Es geht mir um etwas ganz anderes. (Als ob ich schon einmal mit dem angefangen hätte, um das es eigentlich geht. – Bitte!)

Also nochmal kurz zum “Mensch ärgere dich nicht”. Das ist also ein Brettspiel, genauer ein Würfelspiel für zwei bis vier Personen. Jeder hat vier Spielsteine einer Farbe und muss versuchen, einen Parcours aus Spielfeldern zu absolvieren und seine Figuren ins Ziel zu bringen. Für dieses Spiel gelten ein paar einfache Regeln. Im Groben ist es so, dass der Reihe nach im Uhrzeigersinn gewürfelt wird und jeder so viele Spielfelder weiter rücken darf, wie er Augen (Punkte) gewürfelt hat. Es gibt noch ein paar weitere Regeln, die die Sache etwas würzen. So darf man mit einem neuen Spielstein erst auf das Startfeld, wenn man eine Sechs gewürfelt hat. Wenn sich ein Spielstein eines Gegners auf einem erwürfelten Feld befindet, fliegt dieser raus und muss wieder von vorn anfangen.

Im Prinzip war’s das. Das Schöne ist, dass das Spiel durch den einfachen Vorgang des Würfelns zu 99% auf Zufall beruht. Somit haben alle Altersklassen die gleiche Chance. Das dürfte wohl auch den Reiz und den Erfolg des Spieles ausmachen. Es gilt aber auch, dass die Spielregeln für alle gleich sind. Das Spiel ist wie erwähnt ein Gesellschaftsspiel. Setzt man die kleine Gesellschaft mit der großen Gesellschaft eines Staates gleich, dann lässt sich damit etwas sehr schön verdeutlichen. Wenn wir Spielregeln nun mit Gesetzen gleich stellen, dann bedeutet das, dass wir beim Spiel eine Gesellschaftsordnung haben, wo für alle die gleichen Gesetze gelten, auf deren Gültigkeit sich alle zusammen geeinigt haben. Wir haben eine prima freiheitliche Demokratie mit einem Rechtsstaat. Sollte einer der Spielteilnehmer sich nicht daran halten, dürfte ihn die Allgemeinheit sofort zurecht weisen und u. U. mit Ausschluss vom Spiel drohen. Am Beispiel lassen sich auch Monarchie/Diktatur und Anarchie darstellen. Also nehmen wir an, es gibt nur einen Spieler, der nach eigenem Ermessen die Spielregeln festlegt und ändert. Jetzt käme es darauf an, wie weise ein Einzelner als kleiner König handelt. Orientiert er sich an der Gleichbehandlung oder passt er die Regeln immer dann an, wenn es für ihn selbst günstiger ist? Darf man dann vielleicht nicht mehr gleichzeitig mit mehreren Spielsteinen spielen? Gilt dies vielleicht nur für drei von vier Spielern? Darf nur noch der König andere rauswerfen? Ist das so, dürften irgendwann die Mitspieler aufbegehren und nicht mehr mitspielen. Revolution.

Was passiert bei Anarchie? Das bedeutet, dass jeder seine Regeln selbst macht, wie es ihm gerade passt. Es gibt also eigentlich keine. Einer würfelt zwölf Mal, weil er keine Sechs bekommt. Der nächste rückt seine Zahl gleich mit allen 4 Figuren. Der Dritte wirft alle anderen aus dem Spiel und der Vierte stellt seine Figuren ohne Würfeln komplett ins Ziel und ruft “Fertig!” Das Ende käme schnell und Spaß dürfte es wohl keinem gemacht haben.

Wir lernen daraus: Es macht nur Spaß, wenn die Regeln für alle gleich sind, von allen akzeptiert werden und sich jeder daran hält, wie im Kleinen so im Großen. Wenn Gesetze demokratisch zustande kommen, die für alle gelten und sich jeder daran hält, dann läuft das Spiel/Leben und es macht Spaß. Was für ein Spaß wäre diese Welt, wenn alle Regeln für alle gleich gelten würden und sich alle daran hielten. Es ist illusorisch, aber doch ein hübscher Gedanke.

Euer Karl Pfefferkorn
(1897-1961)Karl Pfefferkorn