Freiheit will eigentlich keiner

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Es sind gerade wieder mal viele Menschen unterwegs, die meinen, für ihre “Freiheit” demonstrieren zu müssen und behaupten dies auch für mich und meine Freiheit zu tun. Wobei ich der Meinung bin, dass wenn sie es nicht täten, es um meine Freiheit besser gestellt wäre. 

Also müssen wir uns wohl mal um die Freiheit kümmern.

Da kommt doch erstmal die Frage nach dem Begriff “Freiheit” auf.

“Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.” Das soll Lenin gesagt haben. Die Älteren erinnern sich: Lenin war einer der Decknamen und später populärer “Spitzname” von Wladimir Iljitsch Uljanow, dem kommunistischen Revolutionär, der als Begründer der Sowjetunion gilt. “Sowjetunion” dürfte dem jüngeren Publikum eventuell auch wenig sagen. Das war das kommunistische Russland zusammen mit einer Menge “Bundesstaaten” drum herum, größtes Land der Erde, Weltmacht.

Funfakt: “Sowjetunion” war auch nur eine Art Spitzname. “Sowjet” ist das russische Wort für “Rat”. Die Sowjetunion war eine “Räterepublik”. Das ist eher etwas Verwaltungstechnisches. In jeder Gemeinde gab es einen Rat und jedem Kreis, jedem Bezirk und jeder Republik. So war das auch in der DDR. Die Sowjetunion hieß offiziell “Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken”. In deutsch wurde das UdSSR abgekürzt. In englisch hieß es “Union of Soviet Socialist Republics”, also USSR. Die Originalbezeichnung lautete “Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik” und in der Abkürzung “SSSR”. Da Russisch aber kyrillisch geschrieben wurde und das kyrillische “S”, wie unser “C” aussieht und das kyrillische “R” wie unser “P”, las sich das als “CCCP”.

Aber ich schweife ab.

“Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.” – Das ist eine perfekte Definition für ein totalitäres System. Im Extremfall sieht der Gefängnisinsasse also ein, dass er genau dahin gehört und fühlt sich frei. Mumpitz!

“Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden” ist ein Zitat, das Rosa Luxemburg zugeschrieben wird. Die Historie spare ich mir. Googelt sie einfach!

Auch das ist eher ein politisches Statement der Art: Auch wenn die offizielle Meinung anders lautet, kann ich behaupten, dass ein Virologe mit hilfreichen Aussagen zu einem akuten Problem, nur eine von Exenmenschen gesteuerte Figur ist, um uns alle zu unterdrücken. 

Das hat die Rosa nicht im Blick gehabt, aber der Sinn funktioniert so in etwa. In einer Sowjetunion (UdSSR, USSR, CCCP) oder auch in der DDR wäre man mit so einer Gegenhaltung allerdings aus der Öffentlichkeit verschwunden und hätte sich nur noch über das Lenin-Zitat frei fühlen können.

Am Begriff “Freiheit” haben sich schon viele schlaue Köpfe versucht. Also fragen wir doch einmal die weniger schlauen Köpfe. Welche Antwort wird man sinngemäß am häufigsten zu hören bekommen, wenn man fragt ”Was ist für dich Freiheit?”. Die Antwort lautet: “Tun und  lassen können, was ich will”.

Machen wir ein fiktives Preisausschreiben mit dem Hauptpreis  “Einen Monat tun und lassen können, was man will”.

Würden Sie mitmachen? – Verlockend, gell?

Und zack, Fortuna hat zugeschlagen, Sie sind der Gewinner. Sie bekommen einen Blumenstrauß und einen überdimensionalen … also eine Art Scheck, auf dem noch einmal das Motto für werbewirksame Fotos zu lesen ist. Sie strahlen in die Kamera. Ein Hubschrauber steht bereit, um Sie zum Ziel Ihrer Träume zu bringen. Nein, Sie müssen nichts mitnehmen. Sie dürfen sogar nichts mitnehmen.

Ab geht es. Sie lassen das bekannte Land unter sich zurück und fliegen weiter in Richtung Küste. Nach einer weiteren Flugstunde setzt der Helikopter zur Landung an. Vor Ihnen befindet sich eine herrliche Insel mit Palmen und weißem Sandstrand.

Sie landen und die Crew begleitet Sie ein paar Meter. Sie bittet Sie nun, sich auszuziehen. Das verwirrt Sie zwar ein wenig, aber Sie sind noch im Rausch des Gewinns und folgen der Anweisung. Nachdem Sie nackt am Strand stehen, fragen Sie sich, wie es nun weitergeht. Sie sehen sich um. Als Sie sich wieder zurück drehen, sehen Sie die Crew mit Ihren Sachen im Heli verschwinden. Sie rufen ihr nach, doch vergeblich. Der Helikopter hebt ohne Sie ab und lässt Sie nackt allein.

Etwas verwirrt, aber immer noch im Rausch des Sieges gehen Sie in Richtung des Inneren der Insel. Da wird bestimmt die nächste Überraschung für Sie warten. Sie sind jetzt bestimmt die Inselkönigin oder der Inselkönig und alle warten nur darauf, dass Sie endlich ankommen.

Nach einer Stunde über schroffe Steine, ohne Wege, haben Sie das dumpfe Gefühl, dass das was nicht stimmt. Die Hoffnung, dass Sie nur den falschen Weg gewählt haben, hält sich noch. Wie kann man denn einen Gewinner so in die Irre laufen lassen? Die Teams auf der Insel könnten einem ja auch mal entgegen kommen. Das hat ein Nachspiel.

Nach zwei weiteren Stunden werden Sie langsam unruhig. Auch von dem Hügel aus konnten Sie niemanden entdecken, kein Lager, keine Menschenseele. – Sie sind allein auf der Insel und … können tun und lassen, was Sie wollen.

Ob Sie den Monat überlebt haben ist schwer zu sagen, aber Sie hatten die absolute Freiheit. Ach, diese Freiheit wollten Sie nicht?

So war das nicht gemeint? – Nein? Wie dann?

Achso, Sie meinen innerhalb der Gesellschaft tun und lassen können, was Sie wollen. Wie soll das gehen? Ach mit Geld. Sie wollen ein Haus, Strom, Essen, Internet. Sie wollen das alles auch bezahlen und dafür halt unbegrenzt Geld.

Jetzt wird es noch komplizierter. Da müsste man ja erstmal klären, was Geld ist. Das womit man bezahlen kann? Schulden sind also kein Geld? – Ja, Spaß. Über das Thema könnte man sich noch ausgiebig auslassen. Vielleicht nehme ich mir diese “Freiheit” irgendwann 😉

Sie wollen also in einer Gesellschaft tun und lassen was Sie wollen, weil Sie alles bezahlen können, da Sie ein unendlichen Kontingent eines aktuell akzeptierten Zahlungsmittels zur Verfügung haben? Klingt fast juristisch, ist aber zur genauen Definition notwendig. Stellen Sie sich vor, Sie sind immer noch auf der Insel und da gäbe es doch noch andere Menschen. Sie hätten von der Heli-Crew einen Koffer mit einer Million Dollar in Scheinen erhalten, aber die Einheimischen kennen nur Kaurigeld. Tja, blöd. Nix King of the Bongo und auch nicht Queen.

Geld ist nur das, was ich dafür bekomme. Geld ist also immer die Leistung Anderer.

Wenn ich in einer Gesellschaft meine Freiheit ausleben will, dann muss ich mir folgender Dinge bewusst sein:

Die Gesellschaft hat eine Anzahl Mitglieder, von denen jedes einen entsprechenden Beitrag für die Gesellschaft erbringt. Nur der gesamte Beitrag kann wieder an die Mitglieder verteilt werden. Es mag durchaus sein, dass nicht jedes Mitglied den gleichen Beitrag leisten kann und auch nicht jedes Mitglied den gleichen Anteil bekommt. Das resultiert a) aus den Möglichkeiten und b) aus den Bedürfnissen. Ein Baby kann z.B. zunächst keinen Beitrag leisten und bekommt somit viel mehr. Wenn jemand wegen einer Krankheit ausfällt, bedarf der vielleicht auch der besten Leistungen, ohne gerade dazu beitragen zu können.

Das ist eine normale Gesellschaft, wie sie auch für den Homo sapiens für hunderttausende von Jahren von Vorteil war.

Jemand, der keinen Anteil leisten will, obwohl er es könnte, aber Nutzen aus der Gesellschaft zieht, ist ein Schmarotzer. Er lebt auf Kosten anderer Mitglieder dieser Gesellschaft, die für ihn mitarbeiten müssen. Wenn ich weniger für die Gesellschaft leiste, als ich von der Gesellschaft bekomme, müssen das andere ausgleichen, die mehr leisten, als sie bekommen.

Dessen muss man sich stets bewusst sein. Nein, der Investmentbanker leistet keinen Beitrag für die Gesellschaft, der gegengerechnet ein Luxusleben ab 30 rechtfertigt. Eine Hotelerbin hat schon gleich mal gar keinen Beitrag geleistet. Deren “Freiheiten” scheinen uns erstrebenswert. Dass das von vielen anderen Menschen erarbeitet werden muss, darüber denken wir nicht nach. Vor sagen wir 20.000 Jahren auf jeden Fall, in einigen Gegenden auch noch vor 1.000 Jahren hätten solche Schmarotzer die Gruppe verlassen müssen und wären eingegangen.

Aber was ist nun mit der Freiheit?

Das Überleben, muss Dank der Gesellschaft in der wir leben, kein Kampf mehr sein. Wir haben es geschafft, dass Nahrungsmittel und eine wetterunabhängige Behausung ganzjährig zu Verfügung stehen können. Wir können uns gegen Krankheiten wehren und haben viele Dinge gelernt, die uns sogar einen gewissen Komfort in der Natur gewähren.

Die Umwelt gibt uns den Rahmen vor, in dem wir uns bewegen können. Dies sind die Grenzen unserer Freiheit und wir erweitern diese Grenzen ständig. Aber die wirklichen Grenzen setzen wir Menschen uns selbst durch das falsche Miteinander. Wir streben nach dem Besitz anderer, nach Ressourcen anderer, Lebensraum anderer und Arbeitskraft anderer Menschen. Aber es wird dadurch nicht mehr.

Die mögliche Freiheit ist der Durchschnitt der Lebensqualität aller Menschen. Weit darunter ist Armut und weit darüber Schmarotzertum.