Freiheit will eigentlich keiner

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Es sind gerade wieder mal viele Menschen unterwegs, die meinen, für ihre “Freiheit” demonstrieren zu müssen und behaupten dies auch für mich und meine Freiheit zu tun. Wobei ich der Meinung bin, dass wenn sie es nicht täten, es um meine Freiheit besser gestellt wäre. 

Also müssen wir uns wohl mal um die Freiheit kümmern.

Da kommt doch erstmal die Frage nach dem Begriff “Freiheit” auf.

“Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.” Das soll Lenin gesagt haben. Die Älteren erinnern sich: Lenin war einer der Decknamen und später populärer “Spitzname” von Wladimir Iljitsch Uljanow, dem kommunistischen Revolutionär, der als Begründer der Sowjetunion gilt. “Sowjetunion” dürfte dem jüngeren Publikum eventuell auch wenig sagen. Das war das kommunistische Russland zusammen mit einer Menge “Bundesstaaten” drum herum, größtes Land der Erde, Weltmacht.

Funfakt: “Sowjetunion” war auch nur eine Art Spitzname. “Sowjet” ist das russische Wort für “Rat”. Die Sowjetunion war eine “Räterepublik”. Das ist eher etwas Verwaltungstechnisches. In jeder Gemeinde gab es einen Rat und jedem Kreis, jedem Bezirk und jeder Republik. So war das auch in der DDR. Die Sowjetunion hieß offiziell “Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken”. In deutsch wurde das UdSSR abgekürzt. In englisch hieß es “Union of Soviet Socialist Republics”, also USSR. Die Originalbezeichnung lautete “Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik” und in der Abkürzung “SSSR”. Da Russisch aber kyrillisch geschrieben wurde und das kyrillische “S”, wie unser “C” aussieht und das kyrillische “R” wie unser “P”, las sich das als “CCCP”.

Aber ich schweife ab.

“Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.” – Das ist eine perfekte Definition für ein totalitäres System. Im Extremfall sieht der Gefängnisinsasse also ein, dass er genau dahin gehört und fühlt sich frei. Mumpitz!

“Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden” ist ein Zitat, das Rosa Luxemburg zugeschrieben wird. Die Historie spare ich mir. Googelt sie einfach!

Auch das ist eher ein politisches Statement der Art: Auch wenn die offizielle Meinung anders lautet, kann ich behaupten, dass ein Virologe mit hilfreichen Aussagen zu einem akuten Problem, nur eine von Exenmenschen gesteuerte Figur ist, um uns alle zu unterdrücken. 

Das hat die Rosa nicht im Blick gehabt, aber der Sinn funktioniert so in etwa. In einer Sowjetunion (UdSSR, USSR, CCCP) oder auch in der DDR wäre man mit so einer Gegenhaltung allerdings aus der Öffentlichkeit verschwunden und hätte sich nur noch über das Lenin-Zitat frei fühlen können.

Am Begriff “Freiheit” haben sich schon viele schlaue Köpfe versucht. Also fragen wir doch einmal die weniger schlauen Köpfe. Welche Antwort wird man sinngemäß am häufigsten zu hören bekommen, wenn man fragt ”Was ist für dich Freiheit?”. Die Antwort lautet: “Tun und  lassen können, was ich will”.

Machen wir ein fiktives Preisausschreiben mit dem Hauptpreis  “Einen Monat tun und lassen können, was man will”.

Würden Sie mitmachen? – Verlockend, gell?

Und zack, Fortuna hat zugeschlagen, Sie sind der Gewinner. Sie bekommen einen Blumenstrauß und einen überdimensionalen … also eine Art Scheck, auf dem noch einmal das Motto für werbewirksame Fotos zu lesen ist. Sie strahlen in die Kamera. Ein Hubschrauber steht bereit, um Sie zum Ziel Ihrer Träume zu bringen. Nein, Sie müssen nichts mitnehmen. Sie dürfen sogar nichts mitnehmen.

Ab geht es. Sie lassen das bekannte Land unter sich zurück und fliegen weiter in Richtung Küste. Nach einer weiteren Flugstunde setzt der Helikopter zur Landung an. Vor Ihnen befindet sich eine herrliche Insel mit Palmen und weißem Sandstrand.

Sie landen und die Crew begleitet Sie ein paar Meter. Sie bittet Sie nun, sich auszuziehen. Das verwirrt Sie zwar ein wenig, aber Sie sind noch im Rausch des Gewinns und folgen der Anweisung. Nachdem Sie nackt am Strand stehen, fragen Sie sich, wie es nun weitergeht. Sie sehen sich um. Als Sie sich wieder zurück drehen, sehen Sie die Crew mit Ihren Sachen im Heli verschwinden. Sie rufen ihr nach, doch vergeblich. Der Helikopter hebt ohne Sie ab und lässt Sie nackt allein.

Etwas verwirrt, aber immer noch im Rausch des Sieges gehen Sie in Richtung des Inneren der Insel. Da wird bestimmt die nächste Überraschung für Sie warten. Sie sind jetzt bestimmt die Inselkönigin oder der Inselkönig und alle warten nur darauf, dass Sie endlich ankommen.

Nach einer Stunde über schroffe Steine, ohne Wege, haben Sie das dumpfe Gefühl, dass das was nicht stimmt. Die Hoffnung, dass Sie nur den falschen Weg gewählt haben, hält sich noch. Wie kann man denn einen Gewinner so in die Irre laufen lassen? Die Teams auf der Insel könnten einem ja auch mal entgegen kommen. Das hat ein Nachspiel.

Nach zwei weiteren Stunden werden Sie langsam unruhig. Auch von dem Hügel aus konnten Sie niemanden entdecken, kein Lager, keine Menschenseele. – Sie sind allein auf der Insel und … können tun und lassen, was Sie wollen.

Ob Sie den Monat überlebt haben ist schwer zu sagen, aber Sie hatten die absolute Freiheit. Ach, diese Freiheit wollten Sie nicht?

So war das nicht gemeint? – Nein? Wie dann?

Achso, Sie meinen innerhalb der Gesellschaft tun und lassen können, was Sie wollen. Wie soll das gehen? Ach mit Geld. Sie wollen ein Haus, Strom, Essen, Internet. Sie wollen das alles auch bezahlen und dafür halt unbegrenzt Geld.

Jetzt wird es noch komplizierter. Da müsste man ja erstmal klären, was Geld ist. Das womit man bezahlen kann? Schulden sind also kein Geld? – Ja, Spaß. Über das Thema könnte man sich noch ausgiebig auslassen. Vielleicht nehme ich mir diese “Freiheit” irgendwann 😉

Sie wollen also in einer Gesellschaft tun und lassen was Sie wollen, weil Sie alles bezahlen können, da Sie ein unendlichen Kontingent eines aktuell akzeptierten Zahlungsmittels zur Verfügung haben? Klingt fast juristisch, ist aber zur genauen Definition notwendig. Stellen Sie sich vor, Sie sind immer noch auf der Insel und da gäbe es doch noch andere Menschen. Sie hätten von der Heli-Crew einen Koffer mit einer Million Dollar in Scheinen erhalten, aber die Einheimischen kennen nur Kaurigeld. Tja, blöd. Nix King of the Bongo und auch nicht Queen.

Geld ist nur das, was ich dafür bekomme. Geld ist also immer die Leistung Anderer.

Wenn ich in einer Gesellschaft meine Freiheit ausleben will, dann muss ich mir folgender Dinge bewusst sein:

Die Gesellschaft hat eine Anzahl Mitglieder, von denen jedes einen entsprechenden Beitrag für die Gesellschaft erbringt. Nur der gesamte Beitrag kann wieder an die Mitglieder verteilt werden. Es mag durchaus sein, dass nicht jedes Mitglied den gleichen Beitrag leisten kann und auch nicht jedes Mitglied den gleichen Anteil bekommt. Das resultiert a) aus den Möglichkeiten und b) aus den Bedürfnissen. Ein Baby kann z.B. zunächst keinen Beitrag leisten und bekommt somit viel mehr. Wenn jemand wegen einer Krankheit ausfällt, bedarf der vielleicht auch der besten Leistungen, ohne gerade dazu beitragen zu können.

Das ist eine normale Gesellschaft, wie sie auch für den Homo sapiens für hunderttausende von Jahren von Vorteil war.

Jemand, der keinen Anteil leisten will, obwohl er es könnte, aber Nutzen aus der Gesellschaft zieht, ist ein Schmarotzer. Er lebt auf Kosten anderer Mitglieder dieser Gesellschaft, die für ihn mitarbeiten müssen. Wenn ich weniger für die Gesellschaft leiste, als ich von der Gesellschaft bekomme, müssen das andere ausgleichen, die mehr leisten, als sie bekommen.

Dessen muss man sich stets bewusst sein. Nein, der Investmentbanker leistet keinen Beitrag für die Gesellschaft, der gegengerechnet ein Luxusleben ab 30 rechtfertigt. Eine Hotelerbin hat schon gleich mal gar keinen Beitrag geleistet. Deren “Freiheiten” scheinen uns erstrebenswert. Dass das von vielen anderen Menschen erarbeitet werden muss, darüber denken wir nicht nach. Vor sagen wir 20.000 Jahren auf jeden Fall, in einigen Gegenden auch noch vor 1.000 Jahren hätten solche Schmarotzer die Gruppe verlassen müssen und wären eingegangen.

Aber was ist nun mit der Freiheit?

Das Überleben, muss Dank der Gesellschaft in der wir leben, kein Kampf mehr sein. Wir haben es geschafft, dass Nahrungsmittel und eine wetterunabhängige Behausung ganzjährig zu Verfügung stehen können. Wir können uns gegen Krankheiten wehren und haben viele Dinge gelernt, die uns sogar einen gewissen Komfort in der Natur gewähren.

Die Umwelt gibt uns den Rahmen vor, in dem wir uns bewegen können. Dies sind die Grenzen unserer Freiheit und wir erweitern diese Grenzen ständig. Aber die wirklichen Grenzen setzen wir Menschen uns selbst durch das falsche Miteinander. Wir streben nach dem Besitz anderer, nach Ressourcen anderer, Lebensraum anderer und Arbeitskraft anderer Menschen. Aber es wird dadurch nicht mehr.

Die mögliche Freiheit ist der Durchschnitt der Lebensqualität aller Menschen. Weit darunter ist Armut und weit darüber Schmarotzertum.

Das ist eSimlos

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Nein, die Überschrift ist kein Schreibfehler. Das ist ein Wortspiel. Wenn es etwas positiver klingen würde, hätte es ungefähr die Qualität dieser Werbeslogans, wo man sich gut vorstellen könnte, dass dort in der Agentur mit Drogen experimentiert wurde.

Die Leute sind ins „Sparadies“ „vermilchreist“ und „sinzig alle einig“ (Mineralwasser „Sinzig“).

Ich habe das ohne Drogen geschafft. Daher ist es aber wahrscheinlich für Werbung eher untauglich geworden. Irgendwas ist halt immer.

Aber was war es denn nun, was mich nach langer Zeit mal wieder zur virtuellen Feder greifen ließ?

Es geht um eine SIM-Karte. (Ah, das mein er!) Genauer gesagt um eine eSIM. Kurze Erklärung: SIM-Karten kennt ihr. Die Dinger, die ins Smartphone bzw. „Handy“, wie wir Deutschen sagen, rein muss, damit man telefonieren kann.

Bisschen Klugscheißere nebenbei (wird ja von mir erwartet): SIM steht für „subscriber identity module“ deutsch: „Teilnehmer-Identitätsmodul“)

Die Teile waren am Anfang so groß wie eine Scheckkarte und schrumpften über Mini- und Micro- zu Nano-SIM. Da muss man schon aufpassen, dass man die nicht einatmet. Kinder unter 3 Jahren sind ganz raus.

Trotzdem benötigen die noch recht viel Platz im Telefon. Außerdem braucht man etwas, um die Plastik-Schnipsel in das Gerät zu bekommen. Da ist also zumindest ein Loch notwendig, was dann wieder gegen Staub abgedichtet werden muss. Noch schlimmer ist, dass der Nutzer die SIM meiste selbst einlegen muss. Oh – mein – Gott! Wo war doch gleich das Teil mit dem man den Schacht öffnet? Nimm eine Büroklammer! Nicht das Loch, das ist das Mikro! Klar geht das rein! Lass mich mal! Drin ist es, sieht aber komisch aus. Probier mal! Ruf den Kundenservice an, die scheint kaputt zu sein.

Eine SIM-Karte herzustellen und dann zu versenden kostet und dauert auch.

Doch es gibt eine Weiterentwicklung, die all diese Probleme löst: Die eSIM. Das ist ein kleiner Chip fest verlötet im Smartphone. Der kann nun programmiert werden. Das geht ganz einfach über einen QR-Code, den das Gerät mit der Kamera einliest. Genial! Kein Warten mehr auf die SIM-Karte! Kein Basteln beim Einsetzen! Mehr Platz im Smartphone! Ein Loch weniger, durch das Staub eindringen kann. Keine teure Produktion von neuen SIM-Karten und kein Versand! Eine eSIM kann auch mehrere Profile verwalten, also ist quasi mehrere SIM-Karten in einer. Im Urlaub könnte man auf eine vor Ort umschalten. Perfekt für Smartphonehersteller, Mobilfunkanbieter und Nutzer! Eine win-win-win Situation. So etwas sollte sich rasch durchsetzen.

Aber es gibt trotzdem bisher wenige Smartphones, die eine eSIM unterstützen. Einige höchstens als Zweitkarte. Auch bei den Mobilfunkanbietern sieht es dünn aus. Wenn sie eSIM im Portfolio haben, dann auch nur irgendwie zusätzlich.

So kam es denn auch zu meinem persönlichen Erlebnis mit dieser Technologie.

Ich nutze eine private Nummer und noch eine Prepaid-Nummer für alle, die meine private Nummer nicht bekommen sollen. Dafür hatte mein altes Smartphone Dual-SIM. Das neue hat nur einen Steckplatz, aber auch noch einen eSIM-Chip. Der alte Prepaid-Anbieter unterstützt kein eSIM. Was soll’s? Auf zum nächsten! Die Auswahl war übersichtlich: Einer.

Und wie läuft das jetzt? Aha, erstmal bekomme ich zwingend doch eine SIM-Karte per Post zugesandt. Dann muss ich den Service anrufen und kann dann nach ca. 15min auf eSIM wechseln. An der Stelle sind schon die meisten Vorteile der eSIM im Eimer. Na gut. Warten.

SIM-Karte im Briefkasten und den Service angerufen. Wir kennen die Nummer nicht, von der du anrufst. Logisch. Bist du bereits Kunde, dann drücke die 1! – 1 – Kannst du deine Nummer eingeben, drücke die 1! – 1- Bitte gib deine Nummer ein! xxxxxx Zu Verbesserung unserer Servicequalität wird das Gespräch aufgezeichnet. Wenn du…. bla, bla, bla -…

Einem netten Servicemitarbeiter meinen Wunsch nach eSIM vorgetragen. Zur Legitimation muss ich Ihnen eine TAN auf Ihre Rufnummer senden. Haben Sie die Karte eingelegt. NEIN, natürlich nicht, deshalb will ich ja auch eine eSIM, weil ich die Karte NICHT einlegen kann. Es tut mir leid, dann muss ich Sie bitten eine Mail an den Kundenservice zu senden und ein Bild von Ausweisvorder- und -rückseite und ein Selfie.

Das habe ich getan. Natürlich nicht, ohne wenigstens meine Meinung zum Procedere anzufügen.

Seit meiner Bestellung ist eine Woche vergangen und ich habe immer noch keine eSIM, obwohl die hätte am selben Tag automatisch generiert werden können.

Ich bin also immer noch eSIM-los. Dieses ganze nahezu bürokratische System ist eh sinnlos.

Corona

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Ich wollte es wenigstens einmal gesagt haben. Das Thema „Corona“ kann man ja nicht ganz unerwähnt lassen. Oder doch? Ich hätte reichlich Stoff, um mich wiederholt über meine Mitmenschen aufzuregen. Trotzdem ist nicht wirklich etwas Neues zu Tage getreten. Rücksichtslosigkeit, Dummheit und Ignoranz gab es vorher auch schon. Das Virus funktioniert hier nur wie ein Verstärker oder ein Kontrastmittel. Hat es früher manchmal etwas gedauert bis man seine Zeitgenossen richtig einschätzen konnte, markieren diese sich jetzt selbst. Maske unter der Nase = Depp. Finde ich gut. Das macht es doch einfacher.

Schwieriger fand ich allerdings solche Aktionen wie die “Anticorona-Demos”. Da hätte ich beinahe mitgemacht. Bin schließlich auch gegen Corona. Dachte mir dann aber, dass es das Virus wahrscheinlich gar nicht jucken wird, wenn wir dagegen demonstrieren. Im Gegenteil, es freut sich immer über Menschenmassen. Also bin ich zuhause geblieben. Besser so. Da hätte ich auch Zeit mal wieder einen Artikel zu schreiben. Aber worüber? Corona natürlich. Nun bin ich kein Virologe oder gehöre zu der erstaunlich großen Zahl von Experten für jeweils aktuelle Problemfälle. Deshalb kann ich auch nicht über Corona schreiben. Ich kann mir nur meine Artgenossen ansehen, den Kopf schütteln und mich fragen: “Wie haben wir es nur damals von den Bäumen runter geschafft?” Wir sind wahrscheinlich gefallen. Gefallen, weil wir nicht einsehen wollten, dass die dünnen Äste nicht so sicher sind wie die dicken. Wir sind gefallen und auf dem Kopf gelandet. Anders kann ich mir das alles nicht erklären. Die Konsequenzen habe ich zum Großteil in verschiedenen Artikel schon abgehandelt. Also lasse ich das Thema “Corona” eben auch weg und warte hier weiter.

Es könnte alles so einfach sein

Fahrkartenautomatenmenü

Wie doch die Zeit vergeht. Da hat der Karl sicher jetzt lange nichts zu meckern gehabt. Irrtum. Es ist nur so, dass alles irgendwie schon gesagt wurde. Die Mitmenschen ändern sich nicht und geben immer wieder auf die gleiche, dumme Weise Anlass, die eigenen Blutdruckwerte in die Höhe schnellen zu lassen. Wenn ich den Sachverhalt hier aber schon abgehandelt habe, würde ich mich nur wiederholen.

Doch an einem der letzten Wochenenden hatte ich Gelegenheit, mich über etwas erregen zu dürfen, was bisher noch ungeschoren davongekommen ist: der Personennahverkehr. Ganz allgemein gibt der wahrscheinlich sogar Stoff für mehrere Artikel. Doch hier geht es nur um den Erwerb einer simplen Fahrkarte oder, wie es im Zuge der Anglizismusionierung heißt, eines Tickets.

Der einfache Versuchsaufbau lautet: Fahre vom Nachbarort Naunhof die eine Station zurück nach Großsteinberg!

Früher musste man sich dazu am Bahnschalter im Bahnhofsgebäude anstellen und eine entsprechende Fahrkarte (hieß damals noch so) erwerben. Man legte seinen Wunsch “Einmal nach Großsteinberg, bitte!” dar und bekam gegen Zahlung des Entgelts ein Stück Pappe.

Heutzutage ist der Bahnschalter nicht mehr notwendig. Es gibt Kartenautomaten und auch Apps auf dem Smartphone. Dadurch ist es viel einfacher, zu jeder Zeit eine Fahrkarte oder von mir aus auch ein Ticket zu erwerben. Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Der Kauf über das Smartphone birgt folgende Problematik: Die Bahn-App könnte das zwar, aber weil der für die Region zuständige Verkehrsverbund unserer Kleinstaatenrepublik nicht mitspielt, kann ich dort nur überregionale Strecken buchen. Für die Verbindungen auf regionaler Ebene hat der Verkehrsverbund seine eigene App. Gut, dann installiere ich eben noch eine App mehr und melde mich auch dort noch an. Jetzt geht es aber. Nein, geht trotzdem nicht. Dort können keine Zahlungsarten wie Paypal, Kreditkarte oder Lastschrift hinterlegt werden. Es ist nur die Zahlung über die Handyrechnung möglich. Das wiederum wird nicht von allen Mobilfunkanbietern unterstützt. So auch nicht von meinem aktuellen.

Mit dem Smartphone ein gültiges Ticket besorgen geht also nur theoretisch.

Dann ist da aber noch der Fahrkartenautomat. Der hat 24 h und 7 Tage die Woche “geöffnet”. Eine Verbesserung gegenüber früher. Super! Nun sollte es ja einfach sein, ein Ticket zu lösen.

Auf dem Bildschirm sind schon vier der wichtigsten (?) Ziele angegeben. Leipzig, Grimma, Borsdorf, Beucha. Großsteinberg ist leider nicht dabei. Ich lasse mich von den vielen anderen Buttons nicht ablenken. Man kann ja einfach ein anderes Ziel eintippen. Zack, da ist es: “1x einfache Fahrt nach Großsteinberg für 1,90 EUR”. Könnte man jetzt nehmen. Aber hat nicht jemand gesagt, dass es für 1,60 EUR geht? Kurzstrecke. Die eine Station ist doch eine Kurzstrecke? Den Begriff muss man kennen, findet ihn aber im Menü auch nicht so einfach. Gibt man aber “Kurzstrecke” als “anderes Ziel/Haltestelle” ein, kommt man wie bei einem Computerspiel ins nächste Level. Bis zum Highscore ist es aber noch ein Stück. Es erscheint nämlich die nächste Aufgabe. Ein neues Menü fragt, ob ich über “144 147”, “146 147”, “147” oder “147 152” fahren möchte. Da braucht man schon gehobeneres Wissen über die Strukturen des Systems. Das sind die Tarifzonen, in welche das Gebiet unterteilt ist. In diesem Moment höre ich von fern Herrn Rochen aus “Findet Nemo” singen: ”Nennt mir die Zonen, die Zonen, die Zonen…”

Ich möchte eigentlich nur mit dem Zug die eine Station zum Nachbarort, ohne Umwege und nicht über irgendwas. Ich entscheide mich für das kleinste “Über” und wähle “147”. Zack, da ist es: “Einzelfahrkarte Kurzstrecke 1,60 EUR”. Neugierig geworden, klicke ich auch die anderen “Über” durch. Das Ergebnis ist jedes Mal „Einzelfahrkarte Kurzstrecke 1,60 EUR“. Muss man nicht verstehen.

Noch etwas Verrücktes am Rande: Wenn man nun von der übernächsten Station (Grimma) zurück nach Großsteinberg möchte, also auch nur eine Station, dann ist die Einzelfahrt noch teurer. Die kostet 3,40 EUR, weil hier ein Tarifzonenwechsel dazwischen ist und man zwei Tarifzonen befährt. Ja so ein Tarifzonenwechsel ist schon immer ein tolles Schauspiel. Dafür zahlt man doch gern etwas mehr. Der “Trick” mit der Kurzstrecke für die eine Station geht hier leider nicht, weil die Entfernung größer als 5 km ist. Muss man wissen.

Als Bahnfahrer müssen Sie gut vorbereitet und informiert sein, um sich korrekt durch das Menü des Fahrkartenautomaten zu hangeln. Nur dann können Sie den Hauptpreis, das richtige und gleichzeitig günstige Ticket gewinnen … äh … erwerben. Mir als Seltenfahrer fehlen diese Kenntnisse und ich war auf versierte Mitfahrer angewiesen. Ich frage mich nur besorgt, was Menschen mit geringerer Bildung oder Problemen mit dem (Bahn-)Deutsch machen, um an ein korrektes Ticket zu kommen? Vielleicht ist unter den Schwarzfahrern ein erheblicher Prozentsatz derer, denen es nicht möglich war den Automaten zu bedienen? Wieso kann man nicht einfach sein Ziel eingeben, wird eventuell noch nach der Anzahl der Personen gefragt und der Automat berechnet das beste Ticket selbst?

Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht.

Wenn man nichts zu sagen hat, dann sollte man das auch tun

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Es ist inzwischen schon zu einer Angewohnheit von mir geworden, jeden Monat am Dreizehnten über ein Thema vom Leder zu ziehen. Stoff hatte ich immer genug, sodass es meist reichlich Vorlauf gab. Zu den Dingen, die ich schon immer loswerden wollte, gesellten sich die Dinge, die für neue Erregung sorgten. Zuletzt habe ich mir allerdings immer öfter Gedanken gemacht, was ich denn mal noch auf die Schippe nehme. Immer öfter leerte sich die Warteschlange mit den geplanten Artikeln. Ich war kurz davor, mir selbst Druck zu machen, weil der nächste Termin heranrückte. Ein Termin, dessen Grundlagen eine Idee und etwas Gewohnheit sind. Er hat also gar keine Relevanz.

Manchmal gibt es eben gerade nichts zu sagen. Oft fragt man am Telefon einen Bekannten, was es Neues gäbe, und manchmal ist die Antwort: “Ach, eigentlich nichts”. Das ist, zugegeben, langweilig und kann abweisend klingen. Falls das letzte Gespräch schon ein ganzes Jahr her ist, stimmt Letzteres sicher auch und man sollte auflegen. Hat man aber erst vor drei Tagen telefoniert, dann ist eben vielleicht nichts passiert, worüber es sich zu reden lohnt. Man würde sich auch ziemlich veräppelt fühlen, wenn der andere voller Begeisterung antwortet: “Du, ich war gestern einkaufen. Ich habe ungelogen Mehl, Zucker und Äpfel mitgenommen und dann ist mir was passiert, das glaubst du nicht. Ich stehe an der Kasse und da fällt mir doch ein, dass ich noch Spülmittel brauche. Also: Ich war hin- und hergerissen, ob ich nochmal zurückgehe. Den ganzen Weg nur wegen Spülmittel? Ich komme dadurch noch später nach Hause. Aber die Flasche zu Hause war leer. Man weiß ja nie, ob man nicht ganz dringend mal Spülmittel braucht. Dann hat man keins da. Was dann? Oh Gott! Ich habe dann erstmal ein junges Paar mit einem Paket Windeln vorgelassen. Eine ältere Frau hat mich gefragt, ob sie mir helfen kann. Ich war ja völlig verwirrt. Das hat man mir sicher angesehen. Zum Glück war dann in Kassennähe ein Aufsteller mit den aktuellen Angeboten und da war auch Spülmittel dabei. Ich sage dir, da war ich aber froh. Wer weiß, was sonst passiert wäre? Und bei dir so?” – “Ja, muss halt!”

Man braucht nicht immer etwas sagen, wenn es nichts gibt. Daran werde ich mich in Zukunft auch halten und wenn mal ein Monat verstreicht, an dem ich nichts zu melden habe, dann ist das eben so. Dann mache ich das und publiziere das Nichts nicht.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Kaffeemaschine am Feldrand

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Ein ungewöhnliches Bild bot sich mir vor kurzem: Am Feldrand neben der Straße lag eine Kaffeemaschine. Wenn es sich nicht um einen Bausatz gehandelt hat, dann war sie offensichtlich nicht mehr funktionsfähig, denn genau genommen lag da keine Kaffeemaschine, sondern es lagen nur Einzelteile einer Kaffeemaschine.

Da stellt sich natürlich die Frage, wie denn eine Kaffeemaschine, abseits jeder Wohngegend, an einen Feldrand kommt. Vielleicht war es ja der Anfang und das Ende einer Liebesbeziehung. ER (Stadtmensch) will SIE (vom Dorf) erobern und lädt sie zu einem Picknick ein. Es soll natürlich an nichts fehlen und auch der Komfort darf keine Wünsche offen lassen. Endlich kann er seinen SUV auch einmal außerhalb der Stadt benutzen und mal probieren, ob das mit dem Allrad wirklich etwas ausmacht. In den Kofferraum wird alles gepackt, was man zu einem gepflegten Picknick braucht. Ein frisch gebrühter Kaffee gehört natürlich dazu. Also kommt auch die Kaffeemaschine mit. Unser urbaner Romeo hat allerdings nicht bedacht, dass es in der Natur nur selten Steckdosen gibt. Das kennt er ja auch nicht. Das Unheil nimmt an dem Punkt schon seinen Lauf.

Er holt seine Angebetete, wie vereinbart, am frühen Nachmittag in dem kleinen Ort ab. Er ist zwar 10 Minuten zu spät, da das Navi die Hauptstraße in mehreren der eingemeindeten Dörfer gefunden und er sich zunächst spontan für den falschen entschieden hat. Aber das ist alles noch im Rahmen. Das Wetter ist perfekt. Heute scheint die Sonne wie sonst nur auf den bekannten Urlaubsinseln. Sie hat ihn schon erwartet. Ihren abwertenden Blick auf sein überdimensioniertes Fahrzeug deutet er falsch und ist weiterhin in bester Laune. Der mitgebrachte Blumenstrauß lässt die Verspätung schnell vergessen. Wieso riecht sie an den Blumen? Die riechen doch nach nichts. “Ich stell sie nur noch schnell ins Wasser”, sagt sie und geht noch einmal zurück in Haus. Mit ihrem bunten Kleid fällt sie zwischen all den Blumen im Vorgarten kaum auf. Er muss niesen. Im Handschuhfach ist zum Glück sein Inhalator.

Als sie wiederkommt, geht es los. Sie lotst ihn ein paar sehr schmale Wege entlang. Häuser gibt es hier nicht mehr, und auf der Fahrbahn ist auch nur noch Schotter und später nicht einmal der. Sein armes Auto. Mitten im Nichts ruft sie: “Hier!”. “Hier?”, fragt er zurück. “Aber hier ist doch nichts.” Das Navi zeigt schon seit einer Viertelstunde nichts mehr an und wiederholt monoton die Bitte zur markierten Route zurückzukehren. Zum Glück ist der Ton aus. Verzweifelt sucht er nach einem Parkplatz, einer Raststätte oder irgendetwas, wo man sein Fahrzeug parken und Platz nehmen kann. “Halt doch endlich an!” “Wo denn?” “Na, einfach hier.”

Er bringt das Fahrzeug zum Stehen. Gut, wem soll es hier auch im Weg stehen. Als er aussteigt, stellt er fest, dass es schräg steht. Hat auch ganz schön geschaukelt unterwegs. Hoffentlich ist die Milch nicht ausgelaufen. Er öffnet den Kofferraum und holt die Spezial-Picknickdecke mit Aluminium beschichteter Unterseite heraus und steht dann allerdings etwas unschlüssig herum. “Heute noch?”, fragt seine Traumfrau, und nachdem er über die Frage nachdenkend weiter unschlüssig stehen bleibt, nimmt sie ihm die Decke aus der Hand und breitet sie einfach irgendwo aus.

Romeo fasst sich und holt die mitgebrachten Schätze aus dem Auto. Blöd, dass die auf der Decke nicht stehen. Der Untergrund ist total uneben. Stell da mal ein Glas hin! Als er nach dem Einschenken des Sekts die Flasche umkippt und seiner Julia das schöne Kleid versaut, merkt auch er, dass ihre Laune sich merklich abgekühlt hat. Das muss jetzt der Imbiss reißen. Als er die Tüten der Backwaren GmbH auspackt, trat noch keine Besserung ein. Im Gegenteil. Irgendwas schien ihr auch daran nicht zu gefallen. Der perfekte Kaffee würde das schon richten. Er war im Büro für seinen perfekten Kaffee berühmt. Er hatte immer genau das richtige Verhältnis zwischen Wasser und Anzahl der Kaffeelöffel. Außerdem gab es noch sein Geheimnis. Er nahm niemals Leitungswasser, sondern kaufte reines Quellwasser im Karton. Damit würde er punkten, denn er hatte an alles gedacht: Kaffee, Wasser im Karton, Kaffeefilter und seine Lieblingskaffeemaschine. Vor den Augen der Angebeteten zelebrierte er nun seine Art, einen perfekten Kaffee zuzubereiten. Er wusste, wie man den Wasserkarton fachmännisch öffnet und das Wasser wie ein Barkeeper mit ausgestrecktem Arm treffsicher in den Tank laufen lassen kann. Auch das Einlegen des Filters in die Maschine war bei ihm ein Zusammenspiel aus Routine und Virtuosität. Das Abzählen der Kaffeelöffel zelebrierte er wie ein heiliges Ritual. Wenn er nicht so überzeugt von sich gewesen wäre, hätte er vielleicht die finsteren Wolken bemerkt, die sich immer dichter über ihm zusammen zogen. Dabei war das Wetter immer noch perfekt. Nur Julia drohte langsam zu explodieren.

Dann kam der Moment, an dem die Kaffeemaschine hätte eingeschaltet werden müssen. Dass der Stecker noch nicht das passende Gegenstück hatte, war dem Romeo in dem Moment auch klar. Hilflos hielt er ihn in der Hand und sah sich um. “Wo ist denn hier der Strom?” Das war das Streichholz am Pulverfass. Die junge Dame konnte nicht mehr an sich halten und eröffnete, was sie von ihm hielt. Viele Dinge verstand er nicht, aber ganz grob lief es wohl darauf hinaus, dass aus der Beziehung nichts wird, sein ganzer Aufwand umsonst war und der Auslöser was mit der Kaffeemaschine zu tun hatte.

Sie stapfte einfach davon. Er rief ihr nach, wollte ihr folgen, konnte aber unmöglich seine Sachen zurücklassen. Also packte er alles wieder in den Kofferraum. Als er aufsah, konnte er sie nicht mehr sehen. Er fuhr los und hatte Glück. Bereits nach einer halben Stunde hatte das Navi eine bekannte Straße entdeckt und lotste Romeo in die sichere Stadt zurück. Unterwegs fiel sein Blick auf die Kaffeemaschine neben ihm. Wütend warf er sie aus dem Fenster, wo sie am Straßenrand in ihre Einzelteile zerfiel. ‘Kann die Stadtreinigung selber aufheben’, dachte er noch.

So oder ähnlich muss es gewesen sein. Eine Alternative wäre noch, dass es durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum eine Quantenverschiebung zwischen zwei Parallelwelten gab und die Kaffeemaschine jetzt in einem anderen Universum fehlt. Eine Möglichkeit, die sich nicht ganz ausschließen lässt.

Es gäbe auch noch die Variante, dass ein Riesenarschloch einfach seinen Müll aufs Feld geworfen hat. Aber das ist doch relativ unwahrscheinlich, da der Aufwand, den Müll bis aufs Feld zu fahren größer ist, als ihn kostenlos zur Sammelstelle für Elektronikschrott zu bringen oder einfach bei der nächsten Sammlung vor die Tür zu stellen.

Dann doch die Liebesgeschichte.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Die Jugend heutzutage

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Da las ich letztens etwas in der Art: “WIR hatten früher kein Internet und kein Smartphone. WIR hatten noch richtige Freunde, haben draußen gespielt und blabla…”.  Wo habe ich das gelesen? Auf Facebook! Es fehlte nur noch “von meinem iPhone gesendet” darunter. Ziemlich schizophren.

Aber ja dieser neumodische Internetkram und diese ganzen Smartphones heute. Das braucht keiner, weil es das früher auch nicht gab und da ging es ja schließlich auch. Das Zeug jetzt verdirbt die jungen Menschen nur. Man sieht ja, wo das hinführt.

Ein dazu passendes Zitat lautet: “Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.” Dieses Zitat stammt von keinem Geringeren als dem griechischen Philosophen Sokrates, welcher vor grob zweieinhalbtausend Jahren lebte.

Wir stellen also fest, dass die Jugend heutzutage im Prinzip genauso ist, wie die Jugend früher war. Sie können es mir glauben, dazwischen war sie auch so. Aber vielleicht ist es nur der immer gleiche Blickwinkel restaurativ denkender Geister, welche über den an ihnen vorbeiziehenden Fortschritt und die Jugend glauben urteilen zu müssen. Dabei vergessen die Helden des Präteritums, dass sie sich zu ihren eigenen Glanzzeiten ebenso verhalten haben und damals noch froh über alles Neue waren.

Zum schrägen Blickwinkel gehört aber sicher auch noch der Neid, weil man nicht mehr zur Jugend heutzutage gehört. Akzeptieren Sie ihr Alter einerseits und nehmen sie es andererseits nicht zum Vorwand, den Anschluss am Puls der Zeit zu verlieren! Up2date ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Einstellung. Danach richtet sich auch der Blick auf die Jugend heutzutage. Wenn es Sie beruhigt: Die sind auch bloß die Alten von Morgen 😉

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Die Axt im Haus erspart den Zimmermann

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Dieses Sprichwort aus alten Tagen will uns sagen, dass man Dinge auch selber erledigen kann. Dann hat man es einfacher, billiger und weniger Ärger mit Handwerkern. Ein Schuhmachermeister ist ja auch ein Handwerker. Doch Schuhmacher gibt es heute nur noch wenige. Die braucht kaum noch jemand. Gefragter sind Klempner, Elektriker oder Fliesenleger. Der Zimmermann rangiert da etwas dahinter. Leider lässt sich das Sprichwort nicht so einfach übertragen. Die Rohrzange im Haus erspart nicht den Klempner und der Phasenprüfer nicht den Elektriker. Da gehört schon etwas mehr dazu. Das ist ja auch richtig so. Allein mit dem geeigneten Werkzeug kann man keine Ausbildung und erst recht keine Erfahrung ausgleichen.

Wer also auf ein oder mehrere Gewerke angewiesen ist, wird sich aber wünschen, dass ihm das erspart bliebe. Im Geiste mag er vielleicht das Sprichwort ummünzen in: “Die Axt im Haus erspart den Scharfrichter”. Für die Jüngeren unter den Lesern: Der Scharfrichter hat früher Todesurteile vollstreckt, indem er die Leute geköpft hat. Der, der die Leute gehenkt hat (nicht “(auf)gehängt”, was aber mit der Schlinge um den Hals auf dasselbe heraus kommt), war der Henker. In der DDR gab es noch einen Witz, in dem man nun gefragt hat, wie denn der hieß, der die Leute wieder abgeschnitten hat. Antwort: der Abschnittsbevollmächtigte (offizielle DDR-Bezeichnung für den Ortpolizisten).

Ein weiteres Sprichwort lautet: „Handwerk hat goldenen Boden.“ Für das Schuhmacherhandwerk war der Boden eher aus unedlerem Metall. Aber ein guter Handwerker konnte zu jeder Zeit seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Man braucht Handwerker und ist oft von ihnen abhängig. Und das wissen sie. In der DDR hatte man ihre Anzahl künstlich verknappt. Damit stieg ihr Marktwert enorm. Denn auch im real existierenden Sozialismus wirkten die Regeln des Marktes. Das war nicht gewollt, aber ein Fakt. Was hatten es die Handwerker gut in der DDR. Sie wurden hofiert wie kleine Könige, bekocht, “geschmiert” und am Arsch geleckt. Sie bekamen begehrte Tauschobjekte nur für einen Termin. Bezahlt wurde sogar in “harter” Währung. Oder in der Pseudowährung “Forumscheck”. Das war ein Zahlungsmittel, welches man in der DDR gegen Devisen (i.d.R. DM) tauschen und dann damit in den “Intershops” bezahlen konnte. “Intershops” waren spezielle Läden, in denen es Produkte aus dem „Westen” gab. Durch das Zahlungsmittel “Forumscheck” gab es bald das geflügelte Wort: „Wie fragt ein Handwerker? – Forum geht es denn?”.

Ein “geflügeltes Wort”. Das ist ein Wort (oder eine Wortgruppe), die schnell (wie auf Flügeln) Verbreitung findet. Das ist quasi die Vorstufe zum Sprichwort. Ein Sprichwort ist eine als treffend empfundene Aussage von volkstümlich traditioneller Art, welche meist eine Lebensweisheit/-erfahrung darstellt und weitergegeben werden soll.

In unserer aktuellen Kultur gilt jemand, der seine Rede mit dieser Art Lebensweisheiten füllt, eher als Sprücheklopfer und nicht als guter Redner. In der asiatischen Kultur dagegen ist der ein guter Redner, der seine Aussagen mit Weisheiten schmücken kann. Hier haben Zitate alter Weisheiten noch einen guten Ruf. Dabei liegt es beim Zuhörer, den Sinn hinter dem Spruch zu suchen. Manches erschließt sich auch nicht gleich. Das Nachdenken darüber ist aber genauso wichtig und gehört zum Erkenntnisprozess.

Ich glaube nicht, dass sich einer von Ihnen schon mal einen Zimmermann durch eine Axt im Haus erspart hat. Trotzdem scheint der Sinn hinter dem Spruch zu funktionieren, sonst gäbe es keine Heimwerkermärkte. Aber lassen Sie ja die Finger von Strom und Gas! Sie kennen ja das Sprichwort: “Schuster, bleib deinen Leisten”.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Toleranz verraucht

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Beim Stichwort “Toleranz” muss ich immer an Raucher denken. Es ist jedoch nicht die Toleranz, die sie selbst für ihre Mitmenschen übrig haben. sondern die Toleranz, die sie ihren Mitmenschen vorschreiben. Es tut mir leid. Aber ich kann damit nicht dienen. Mein Verständnis von Toleranz geht mehr so in die Richtung: “Kann jeder für sich entscheiden, was ihn glücklich macht, solange er damit nicht andere belästigt”. Wenn ein alter Mann zu Hause nackt rumläuft, dann Bitteschön. Wenn er das auf einem Spielplatz macht, geht das nicht mehr in Ordnung. Von mir aus kann auch jemand den ganzen Tag laut Schlager hören oder Marschmusik. Aber bitte nicht in der Kleingartensiedlung. Verstanden? – Gut.

Es ist mir im Prinzip auch egal, ob jemand wie Helmut Schmidt (Sie kennen doch noch den 2015 im Alter von knapp 97 Jahren verstorbenen und kettenrauchenden Altbundeskanzler?) lebt oder nur auf ein bis zwei Schachteln die Woche kommt.

Das Problem: Ich werde in die Lebensweise dieser Menschen einbezogen, ob ich will oder nicht. Ich muss im selben Raum oder manchmal sogar im Freien dieselbe Droge mit konsumieren, obwohl ich die schon vor Jahrzehnten abgewählt habe. Meine Kleidung und mein Körper nehmen den Geruch eines Aschenbechers an. Das ist eklig. Ihr wisst es leider nicht, aber ihr könnt euch mit Duftwässern eindieseln, wie ihr wollt. Primär stinkt ihr nach altem Schornstein. Liebe Raucher, ihr braucht jetzt nicht an euch riechen. Euch fehlen die Möglichkeiten für einen normalen Geruchs- und Geschmackssinn. Die sind quasi taub. Ein ehemaliger Kollege hat sich mal bei mir entschuldigt, nachdem er mit dem Rauchen aufgehört hatte und sich seine Sinne wieder regenerierten. Jetzt erst merkte er, dass das ganze Zimmer auch schon stinkt, wenn jemand nach dem Rauchen herein kommt.

Jedes Mal, wenn ich von einer Feier komme, bei der geraucht wurde, kann ich die komplette Garderobe nur noch in die Wäsche geben. Hätte ich sicher auch so gemacht, aber das Zwischenlager wäre egal gewesen.

Um es mal deutlich zu machen: Es ist grundsätzlich so, dass Raucher etwas tun, was sie selbst so und zu jeder Gelegenheit tun wollen, es aber andere immer mit betrifft und diese immer etwas davon abbekommen, was den Rauchern aber egal ist. Selbst wenn ich zu jeder Gelegenheit etwas Knoblauch essen täte, dies bei mir Verdauungsprobleme verursachen würde und ich mitten in Gesellschaft dauernd einen fahren ließe, wäre das noch nicht einmal so schlimm. Davon stinken die Klamotten anderer nicht noch am nächsten Tag. Ich müsste dazu wenigstens noch eine Allergie entwickeln und meine Mitmenschen mit Auswurf vollnießen. Mit Rumfurzen und Vollnießen habe ich dann fast das Penetranzniveau eines Rauchers. Toleriert das noch jemand als normale Gesellschaft?

Leute, schnupft doch Kokain oder spritzt euch was. Da bin ich tolerant. Hauptsache, ich bleibe davon verschont.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Freilaufende Kinder

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Man kann es ja verstehen. Sie sind ja auch so süß, wenn sie klein sind. Trotzdem sollte man es sich schon gut überlegen, ob man sich Kinder anschafft. Die meisten Leute sind sich gar nicht bewusst, was es bedeutet, sich um so ein Wesen ständig kümmern zu müssen. Das wird auch nicht besser, wenn die größer werden. Im Gegenteil. Dann sind sie oft gar nicht mehr so süß. Wenn man da nicht gleich am Anfang mit der Erziehung alles richtig gemacht hat, machen sie was sie wollen.

Viele Menschen, die sich Kinder angeschafft haben, haben auch eigentlich gar keinen Platz in der Wohnung. So ein Kind braucht aber Auslauf. Also geht es raus in die Natur. Besonders an sonnigen Tagen sieht und hört man sie überall. Wiesen, Wege und Parks durchziehen ganze Horden von Leuten mit ihren Kindern. Wie gesagt, haben die meisten ihre Kinder gar nicht im Griff. Sie laufen vorbeikommenden Passanten vor den Füßen rum oder rennen abseits der Wege.

Ist man gerade mit seinem Hund spazieren, weiß man gar nicht, wie man das arme Tier beschützen soll, wenn da plötzlich so ein Kind neugierig angerannt kommt. Von wegen: Die wollen bloß spielen! Weiß man es? Die Eltern haben die doch selbst nicht unter Kontrolle. Ist es erst einmal zu spät, kommt dann nur ein: “Das hat es noch nie gemacht. Das muss an Ihrem Hund liegen. Er hat es provoziert.”

Sie müssen mal erleben, was passiert, wenn da zwei Kinder aufeinander treffen. Dann gibt es so richtig Geschrei. Die Eltern können diese oft nur mit Mühe auseinander bringen. Man kann sich dann ungefähr vorstellen, wie es ist, wenn denen was nicht passt und sie keiner zurück hält. Das ist kein Spiel mehr.

So richtig schlimm ist es, dass man auch noch überall auf die Hinterlassenschaften dieser Kinder trifft. Macht ein kleiner Hund beim Herumtollen auch nur ein paar Schritt durch den Grasstreifen neben dem Fußweg, kann es schon sein, dass er in einen frischen Haufen getreten ist. Das merkt man womöglich erst zu Hause, wenn auch noch die heimische Fußmatte damit verdreckt wurde. Das ist sowas von ekelhaft. Ich finde, Kinder dürfte nur haben, wer ein entsprechendes Grundstück besitzt. Dort könnten die Kinder dann frei herumlaufen und um die “Tretminen” müssten sich die eigenen Eltern selber kümmern. Problematisch finde ich noch, dass sich gerade junge Paare Kinder anschaffen. Wäre es nicht besser, sie legen sich einen Hund zu? So ein Kind ist doch kein richtiger Ersatz. Man ist ja auch total angebunden mit so einem Kind. Wenn man irgendwohin will, muss sich jemand darum kümmern und darauf aufpassen. Für weite Reisen mit dem Auto sind sie meist auch nicht geeignet. Man kann auch nicht jeden besuchen und einfach seine Kinder mitbringen. Manche Menschen sind sogar allergisch gegen die Haare. Doch oft ist das diesen Leuten mit Kindern alles egal. Hauptsache sie haben, was sie wollen. Ganz schön egoistisch, solche Leute mit Kindern.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)