Freilaufende Kinder

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Man kann es ja verstehen. Sie sind ja auch so süß, wenn sie klein sind. Trotzdem sollte man es sich schon gut überlegen, ob man sich Kinder anschafft. Die meisten Leute sind sich gar nicht bewusst, was es bedeutet, sich um so ein Wesen ständig kümmern zu müssen. Das wird auch nicht besser, wenn die größer werden. Im Gegenteil. Dann sind sie oft gar nicht mehr so süß. Wenn man da nicht gleich am Anfang mit der Erziehung alles richtig gemacht hat, machen sie was sie wollen.

Viele Menschen, die sich Kinder angeschafft haben, haben auch eigentlich gar keinen Platz in der Wohnung. So ein Kind braucht aber Auslauf. Also geht es raus in die Natur. Besonders an sonnigen Tagen sieht und hört man sie überall. Wiesen, Wege und Parks durchziehen ganze Horden von Leuten mit ihren Kindern. Wie gesagt, haben die meisten ihre Kinder gar nicht im Griff. Sie laufen vorbeikommenden Passanten vor den Füßen rum oder rennen abseits der Wege.

Ist man gerade mit seinem Hund spazieren, weiß man gar nicht, wie man das arme Tier beschützen soll, wenn da plötzlich so ein Kind neugierig angerannt kommt. Von wegen: Die wollen bloß spielen! Weiß man es? Die Eltern haben die doch selbst nicht unter Kontrolle. Ist es erst einmal zu spät, kommt dann nur ein: “Das hat es noch nie gemacht. Das muss an Ihrem Hund liegen. Er hat es provoziert.”

Sie müssen mal erleben, was passiert, wenn da zwei Kinder aufeinander treffen. Dann gibt es so richtig Geschrei. Die Eltern können diese oft nur mit Mühe auseinander bringen. Man kann sich dann ungefähr vorstellen, wie es ist, wenn denen was nicht passt und sie keiner zurück hält. Das ist kein Spiel mehr.

So richtig schlimm ist es, dass man auch noch überall auf die Hinterlassenschaften dieser Kinder trifft. Macht ein kleiner Hund beim Herumtollen auch nur ein paar Schritt durch den Grasstreifen neben dem Fußweg, kann es schon sein, dass er in einen frischen Haufen getreten ist. Das merkt man womöglich erst zu Hause, wenn auch noch die heimische Fußmatte damit verdreckt wurde. Das ist sowas von ekelhaft. Ich finde, Kinder dürfte nur haben, wer ein entsprechendes Grundstück besitzt. Dort könnten die Kinder dann frei herumlaufen und um die “Tretminen” müssten sich die eigenen Eltern selber kümmern. Problematisch finde ich noch, dass sich gerade junge Paare Kinder anschaffen. Wäre es nicht besser, sie legen sich einen Hund zu? So ein Kind ist doch kein richtiger Ersatz. Man ist ja auch total angebunden mit so einem Kind. Wenn man irgendwohin will, muss sich jemand darum kümmern und darauf aufpassen. Für weite Reisen mit dem Auto sind sie meist auch nicht geeignet. Man kann auch nicht jeden besuchen und einfach seine Kinder mitbringen. Manche Menschen sind sogar allergisch gegen die Haare. Doch oft ist das diesen Leuten mit Kindern alles egal. Hauptsache sie haben, was sie wollen. Ganz schön egoistisch, solche Leute mit Kindern.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Das gelbe Elend

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Die Justizvollzugsanstalt Bautzen ist ein Gebäudekomplex aus gelbem Backstein. Die Farbe der Steine lieferte den Attributsteil. Der Rest des Spitznamens “Gelbes Elend” erschließt sich dem geschätzten Leser sicher von selbst.

Doch mir geht es nicht um ein gelbes Elend mit dicken Mauern aus Stein. Mir geht es um eins mit dünnen Hüllen aus Kunststoff. Es geht mir um sehr dünne gelbe Folie, aus welcher die Behältnisse gefertigt werden, welche die Verpackungen des sogenannten “Dualen Systems” aufnehmen und bis zum Abtransport aufbewahren sollen. Dies sind die “Gelben Säcke”, die bereits mit dem zweiten Namensteil ein völlig falsches Bild zeichnen. Beutel oder Tüten wären treffender. Aus einem Bauchgefühl heraus würde ich vermuten, dass die Hersteller neue Rekorde erzielen wollen und aktuell nur noch Goldfolie dünner zu produzieren ist. Was man mit Kunststoff alles machen kann. Mit Kunststoff kann man auch sehr stabile und haltbare Dinge herstellen. Diesen Zweig der Entwicklung haben die Verantwortlichen jedoch nicht im Blick. Das macht natürlich Ruhm und Ehre bei der Erzeugung der wohl dünnsten Kunststoffsäcke der Welt wieder zunichte, denn das Zeug ist absolut nicht zu gebrauchen. Es kann seinen Zweck nicht erfüllen.

Es passiert immer wieder, dass bereits das Abtrennen eines Einzelstückes von der Rolle mit dessen Zerstörung endet. Hat man dann ein Exemplar erfolgreich in der Halterung zum Befüllen befestigt, darf man ja keine Verpackungen mit Ecken einwerfen. Aber der Quader ist nun einmal die aus logistischen Gründen häufigste Verpackungsvariante. Ich gehe davon aus, dass sich Milchkartons in Fußballform niemals durchsetzen werden. Sollte man beim Befüllen die Behutsamkeit eines Glasmalers an den Tag gelegt haben, kommt die nächste Hürde. Falls es einem gelingt, die Bändchen zum Schließen des Sackes aus den kaum noch zu erahnenden Öffnungen zu ziehen, hat man sie spätestens dann in der Hand, wenn man beide Seiten straff ziehen möchte. Wer auch hier noch Erfolg hatte, dem kann es dann noch passieren, dass der Sack beim Hinaustragen reißt und sich die löffelreinen Joghurtbecher von vor zwei Wochen samt Deckel zusammen mit den Hüllen der 127 einzeln verpackten Bonbons, den Trennfolien der Schinkenscheiben und der zerlegten Styroporverpackung eines neu erworbenen Gerätes über den Küchenboden verteilen. Im Idealfall. Alternativ passiert das bei Windstärke 6 auf dem Weg zum Gartentor. Hat man es wider Erwarten geschafft, seine gelben Säcke am Abholtag ordnungsgemäß abzulegen, kann es dann noch vorkommen, dass es die Jungs auf ihrer Tour nicht mehr geschafft haben, alles einzusammeln und erst am nächsten Tag kommen. Allerspätestens dann hat sich irgendein Getier über die Beutel hergemacht. Muss nicht einmal böse Absicht gewesen sein. Es wollte vielleicht nur spielen. Wird wahrscheinlich selber überrascht gewesen sein, wie schnell es an den Inhalt kam. Kaputt ist kaputt.

Warum, frage ich Sie und mich und die Verantwortlichen, macht man so einen Schrott? Erste, aber nicht beste Erklärung wäre, dass stabilere Säcke mehr Geld kosten. Die Säcke werden kostenlos verteilt. Sie sind ein reiner Kostenfaktor und müssen daher immer noch billiger hergestellt werden. Aber denkt doch mal nach! Wenn ich DREI Säcke verschleiße, um am Ende EIN brauchbares Behältnis zu bekommen, ist das viel teurer, als gleich ein doppelt so starkes und damit vielleicht stabiles Produkt zu verwenden. Auf lange Sicht wären sogar gelbe Tonnen preiswerter. Aber in längeren Zeiträumen denken wahrscheinlich nur die vom Gelben Elend mit den Steinmauern.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Was isst Bernd?

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Bernd war früher ein ganz normaler Mensch. Er war unkompliziert. Auch was seine Ernährung betraf, hat er keine großen Umstände gemacht. Er hat das gegessen, was normale Menschen halt so essen. Hat es nicht übertrieben. Vieles schmeckte ihm, manches nicht. Wenn er zum Essen eingeladen war, brauchte man sich kaum Gedanken machen. Er aß das, was alle essen. Es waren immer schöne Gespräche bei Tisch. Alles war in Ordnung. Dann lernte er Maike kennen. Sie ist Veganerin. Das hat sie gleich gesagt, als Bernd sie uns vorstellte. Ja, war jetzt nicht ganz so einfach, für sie immer eine vegane “Extrawurst” zu organisieren und zuzubereiten. Aber was macht man nicht alles als sozial kompetenter Zeitgenosse. Schlimmer wurde es, als auch Bernd anfing zu konvertieren. Zuerst waren es nur seine schuldbewussten Blicke, wenn man ihm das Essen auf den Teller schöpfte. Später seine übertriebene Zurückhaltung und dann hatte die Gehirnwäsche vollends gegriffen. Es gab Belehrungen über Massentierhaltung, Energiebilanzen, Hunger in der Welt und den Klimaschutz. Zum Essen mussten jetzt die Verpackungen der verwendeten Zutaten aufbewahrt und vorgezeigt werden. Diese wurden dann ausgiebig studiert und ausgewertet. Ich legte meine gewohnten Tischsitten ab und begann bereits vor den Gästen zu essen. Bis die soweit waren, war alles kalt. Sinnvolle Gesprächsthemen gab es dann auch nicht mehr, wir mussten ja schließlich bekehrt werden. Also missionierte Bernd, was das Zeug hielt. Fleisch müsste doch nicht unbedingt aus Fleisch sein, argumentierte er. Die veganen Varianten würden genauso schmecken. An der Stelle hätte ich besser nicht einhaken sollen. Ich verstehe bis heute nicht, warum sich jemand etwas zusammenbasteln lässt, was nach Fleisch aussieht und wie Fleisch schmecken soll, wenn er eigentlich kein Fleisch essen will. Na, der Rest des Abends war gelaufen. Eigentlich waren wir schon kurz davor, den Kontakt zu Bernd und Maike zu beenden. Da passierte das Unglaubliche, eine Ironie des Schicksals: Maike hatte Bernd verlassen und war ausgerechnet mit einem Metzger durchgebrannt. Das hat unseren armen Bernd völlig aus der Bahn geworfen. Sämtliche Weltbilder stürzten ein. Da war einerseits der Trennungsschmerz. Für Maike hatte Bernd sein ganzes Leben umgekrempelt. Dann war da auch noch die Wut auf den Rivalen. Wie sollte er jetzt weiterleben? Und vor allem: Was sollte er jetzt essen? Weiter vegan, wie die verlogene Freundin? Wieder Fleisch und Wurst beim Metzger holen? Das ging auch nicht. In seiner Verzweiflung suchte Bernd nach etwas, was genau das Gegenteil von beidem ist. Er begann Lebensmittel zu verwenden, welche wie Obst, Gemüse oder Salat aussahen, aber aus Fleisch bestanden. So knetete er Gehacktes in die unterschiedlichsten Formen und aß es z.B. als Brötchen zum Frühstück. Ein Salat war grundsätzlich Fleischsalat und auch in der Obstschale lagen nur Würstchen. Bernd bedauerte es, dass die Lebensmittelindustrie hier noch gar nichts im Angebot hatte. So ein Erdbeerkuchen, der nach Erdbeeren schmeckt, aber zu 100 % aus Fleisch ist, so etwas gab es einfach nicht. Während Bernd als Veganer einige Pfunde verlor und kurz nach der Trennung noch mehr auszehrte, hatte er inzwischen wieder gut zu gelegt. Er war sogar mehr Bernd als früher, sogar sehr viel mehr. Die gesundheitlichen Probleme nahmen zu und schließlich musste er sich in Behandlung begeben. Er hat sich und sein Leben aber nun wieder im Griff, isst das, was normale Menschen halt so essen. Übertreibt es nicht. Vieles schmeckt ihm, manches nicht. Wenn er zum Essen eingeladen wird, braucht man sich kaum Gedanken machen. Er isst das, was alle essen. Es sind immer schöne Gespräche bei Tisch. Manchmal jedoch nimmt er sich eine Scheibe Wurst, dreht und faltet sie so, dass sie wie eine Blüte aussieht, schaut sie liebevoll an und meint: “Das gäbe einen schönen Salat.”

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Burmesische Flugkühe

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Sie sind ja so süß, die burmesischen Flugkühe. Sie sind ja auch so zutraulich. Wenn sich so eine burmesische Flugkuh an einen schmiegt und dabei lieblich vor sich hin schmatzt, dann kann man einfach nicht anders, dann muss man sie ein wenig kraulen. Dann legt sie sich auf den Rücken und lässt sich noch den Bauch streicheln. Wenn sie genug hat, springt sie auf, nimmt hopsend Anlauf und fliegt davon. So sind sie halt, die burmesichen Flugkühe, sie haben ihren eigenen Kopf.

Ursprünglich hat sich die Flugkuh dem Menschen angeschlossen, weil sie Jagd auf Mücken gemacht hat, und als der Mensch sesshaft wurde und sich Schlafzimmer baute, gab es dort davon immer eine mehr, als man erlegen konnte.

Inzwischen geht aber kaum noch eine Flugkuh auf Mückenjagd. Die Tierfutterindustrie in Myanmar, der Heimat der burmesichen Flugkuh, hat sich voll auf das beliebte Haustier eingeschossen. Es gibt bald mehr verschiedene Nahrungsmittel für diese Lieblinge als für Menschen. Die Fernsehwerbung dafür lässt sich nur schwer von der für ein Sternerestaurant unterscheiden. Das Futter ist nicht das einzige Produkt, was ganz auf die possierlichen Tierchen und deren Stellung ausgerichtet ist. Da gibt es Pflegesets, Kuschelkörbchen und Landekissen. Was nicht direkt für das Tier verwendet werden kann, bekommt mindestens ein Bildchen als Aufdruck. Man kann Bettwäsche, T-Shirts und Mützen, Plüschtiere, Porzellan-Nippes und Abtreter in Form einer Flugkuh kaufen. Und erst die vielen Flugkuhvideos auf MooTube! Zum x-ten Mal tappt ein kleines Flugkälbchen durch die Bude und fällt über die eigenen Beine oder knallt bei den ersten Flugversuchen gegen die Zimmerpalme. Süß! Man müsste meinen, dass die Menschen mal irgendwann die Nase voll davon haben. Weit gefehlt!

Dabei sind die Viecher weder pflegeleicht noch gelehrig. Zumindest gehorchen sie nie. In der Mauser ist alles voller Federn. Das nächtliche Liebesspiel ist auch ziemlich nervig. Bei dem ganzen Gemuhe kann man kaum schlafen. Wenn sie draußen herumfliegen, klatscht auch schon hin und wieder ein grüner Fladen auf die Gartenbank des Nachbarn. Ach der soll sich nicht so haben. Man kann die Tiere nun mal nicht einsperren. Etwas zu schaffen machen die streunenden Flugkühe. Die bereiten gerade unter Bienenvölkern großen Schaden. Furchtbar sind auch Besitzer einer allzu großen Sammlung an Flugkühen. Der Gestank ist dann unerträglich. Die Ausscheidungen und Gebietsmarkierungen der Flugkühe sind aber auch so überall zu finden und zu riechen. Egal, ob man selbst so ein Tier hat oder nicht, man wird von ihrer Anwesenheit nicht verschont. Sie landen in fremden Gärten und auf fremden Häusern, erledigen dort ihr Geschäft, markieren das Revier, buddeln Blumenzwiebeln aus und hinterlassen ihre Federn. Von wegen “Haus”tier. Aber sprechen Sie bloß keinen Besitzer darauf an! Das ist nun mal die Natur der Tiere. Dabei gibt es die Tiere so in der Natur gar nicht. Unglaublich so etwas!
Zum Glück bleibt uns das alles erspart. Es gibt bei uns keine burmesichen Flugkühe.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Früher war alles besser

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

frueherNa, der Spruch passt doch mal zu Einem, der tot ist. Aber um mich geht es ja gar nicht.

Eigentlich geht es um die Frage, ob es stimmt, dass früher alles besser war, wenn es doch “alle” sagen. Warum ruft keiner: “Heute ist alles besser!”, obwohl dies für die meisten Menschen zutrifft, oder: “Morgen wird alles besser!”? Gut, Letzteres ist sehr hypothetisch. Um daran zu glauben, müsste es einem heute schon sehr schlecht gehen, damit es morgen nur noch besser werden kann. So schlecht geht es uns aber nun auch wieder nicht. Aber wenn der Spruch “Früher war alles besser!” generationenübergreifend ist, dann ist es ja heute besser als morgen und das auch schon seit Jahrzehnten. Das wäre ja eine ständige Talfahrt und wir müssten doch schon langsam in einer Situation angekommen sein, an ein besseres Morgen glauben zu wollen.

Wie so vieles, ist diese Sicht nicht objektiv. Früher war nicht alles besser, früher waren wir jünger. Das war für uns selbst natürlich besser.

Man wächst in eine Welt hinein, die man erst einmal verstehen muss. In der eigenen Blüte glaubt man die Welt verstanden zu haben. Man glaubt als junger Mensch auf dem Zenit seiner Erkenntnis angelangt zu sein, dazu noch volljährig und frei vom elterlichen Gängelband. Die Natur vervollkommnet dies durch körperliche Topwerte: Sexuelle Reife und Leistungsfähigkeit, Kraft, Gesundheit und straffes Bindegewebe. Gesellschaftlich fällt meist noch der Abschluss der Ausbildung und die Wahl eines Partners in diese Zeit zwischen 20 und 30. Obwohl unsere Lebenserwartung weit über dem Doppeltem liegt, hat uns die Evolution nicht sehr viel mehr zugestanden. Die Zellregeneration klappt nicht mehr ganz. Die ersten Abnutzungen machen sich bemerkbar und die ersten “Zipperlein”.

[“Zipperlein” bezeichnete ursprünglich den Trippelschritt mancher Gichtkranker durch die sich krümmenden Zehen.]

Ja, ab 40 wächst dann langsam der Gedanke, dass es doch früher besser war, als man noch jung war. Das menschliche Hirn spielt seine Fähigkeiten beim Formen der Wahrnehmung aus und verherrlicht uns die Vergangenheit. Beispiel gefällig? Wer von den Herren noch der Wehrpflicht unterworfen war, wird es damals zu 99 % gehasst haben. Trotzdem werden heute auch etwa 99 % nur noch tolle Geschichten darüber zu erzählen haben. “Das waren noch Zeiten…” – verklärter Blick – “Herr Ober! Noch eine Runde!”

Früher war alles – anders. Für den, der Entwicklungen verschlafen hat und der im Zeitalter von Smartphones seine E-Mails nicht abruft, war es natürlich auch deswegen früher besser, als er noch mit Kassettenrecorder und Überspielkabel „up to date“ war.

Wenn wir das Heute objektiv sehen, müssen wir zugeben, dass wir es meist zu einem Wohlstand gebracht haben, von dem wir früher nicht zu träumen gewagt hätten. Hinzu kommen technische Fortschritte, die unser Leben vereinfachen und bereichern, sofern wir es uns nicht nehmen lassen, diese zu nutzen.

War denn nun früher alles besser oder nicht? Alles sicher nicht. Einiges vielleicht. Oder um es mit “Opa Hoppenstedt“ (Loriot) zu sagen: “Früher war mehr Lametta.”

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)
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Fluch der Logik

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

FluchderLogikSie kennen das. Sie werden morgens wach und überlegen “Wo bin ich?”, vielleicht auch noch ”Wer bin ich?” aber sicher oft, “Welcher Wochentag ist heute?”. Das passiert oft im Bruchteil von Sekunden. So etwa geht es auch einem Computer beim Booten.

Die Entwicklung eines Menschen läuft ähnlich. Hier dauert die Beantwortung der Fragen manchmal Jahre und somit steht der Wochentag nicht mehr unter den Top 3. Der heranwachsende Mensch versucht sich in der Welt, in die er geworfen wurde (ich bitte die doppelte Bedeutung zu ignorieren), zu verstehen. Fragen stellt er durch Aktion und wartet die Antwort (Reaktion) ab. “Trial and error”, wie der Engländer sagen würde.

Mit der Zeit versteht man, was geht und was nicht. Das kann man noch ein paar Mal testen und wenn immer wieder das gleiche Ergebnis kommt, als Regel festschreiben. Dann ist die Abfolge logisch. Ein anderes Ergebnis kann dann ausgeschlossen werden.

Je mehr dieser Erkenntnisse man im Leben gewinnt, umso leichter wird es. Der alte Mann gilt dann als weise. Ein Ziel, das sich zu erreichen lohnt. – Oder vielleicht nicht?

Kleine Kinder kennen den Weihnachtsmann. Sie schreiben Wunschzettel. Genauso selbstverständlich beantworten sie Fragen von Großeltern, was sie sich von ihnen zu Weihnachten wünschen. Auch diese Dinge bringt dann manchmal der Weihnachtsmann.

Alles kein Problem, wenn man es mit der Logik nicht so genau nimmt.

Kinder können das. Sie können gleichzeitig einen Weihnachtsmann akzeptieren und von seiner Nichtexistenz überzeugt sein. Auch wenn das unlogisch ist, spiegelt es doch exakt den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema wider. Jeder wird die Existenz des Weihnachtsmanns leugnen, aber er ist trotzdem allgegenwärtig, erscheint in Kindergärten, auf Weihnachtsmärkten oder anderen Veranstaltungen. Ein logisch denkender Mensch käme damit nicht klar. Eine Maschine müsste “Error” anzeigen. Ein Kind hingegen kann sich den Luxus leisten zu “wissen”, dass der Weihnachtsmann nicht echt ist, aber gleichzeitig den Wunschzettel in dreifacher Ausfertigung einmal den Eltern in die Hand zu drücken, den Englein aufs Fensterbrett zu legen und per Briefpost an eines der offiziellen Himmelpforter Postämter zu schicken. Man kann ja nie wissen. Da geht es nicht um Logik. Logik ist hier eher hinderlich. Logik kann aber auch beim Erkenntnisgewinn hinderlich sein. Wie kann eine Erde rund sein, wenn doch da logischerweise die Menschen auf der anderen Seite herunterfallen müssten? Ja, jetzt lächeln Sie über die einfache Logik der Leute aus früheren Zeiten. Wenn ich Ihnen aber jetzt erkläre, dass es laut Quantentheorie logisch ist, dass eine Katze gleichzeitig tot und lebendig sein kann, dann werden Sie mir einen Vogel zeigen. Logik scheint eben doch nur dann zu funktionieren, wenn man die Voraussetzungen akzeptiert hat. Aber dann wären auch Religion und Kommunismus logisch. Wenn ich akzeptiere, dass es einen Gott gibt, dann muss der das alles so gewollt haben und es hat einen Sinn. Wenn ich akzeptiere, dass Menschen alle gleichgeschaltet werden wollen, dann gibt es nur eine Gesellschaftsform, die ideal für sie ist. Wenn ich akzeptiere, dass die Erde eine Scheibe ist, dann fallen alle Menschen auf der Unterseite natürlich runter. Vielleicht laufen sie aber auch auf den Händen. Man weiß es nicht. Logik auf Annahmen zu betreiben, seien sie auch noch so gefestigt, bringt nichts. Logik muss immer hinterfragen, auch wie fest ihr Fundament ist. Erst dann taugt der Aufbau etwas.

Bei Weihnachtsmann & Co. können Sie auch gern mal auf Logik verzichten. Logik kann einem auch den Spaß verderben. Gönnen Sie sich mal ein wenig unlogisches Verhalten. Das macht Sie als Menschen aus. Das unterscheidet Sie quasi von Ihrem Computer.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Verwandte und Bekannte

verwandteVerwandte (zugewandt/zugehörig) und Bekannte (bekennen etwas getan zu haben)

Verwandte und Bekannte umfassen meist den Kreis von Menschen, die sich so im eigenen privaten Umfeld befinden.

Je nachdem, ob und wie wir unser privates Umfeld gestalten, sind uns diese Menschen mehr oder weniger sympathisch. Eine Aussage dazu treffen diese Begriffe nicht.

Verwandte sind halt die, die wir schon immer kennen, weil sie am selben Stammbaum hängen. Bekannte sind die, die wir aus irgendeinem anderen Grund kennen. Meist geschieht das, weil es uns nützlich erscheint. Es müsste dann noch die geben, die wir früher gekannt haben. Das wären dann Gekannte. Wobei dies oftmals auch auf Verwandte zutrifft. Interessant ist übrigens, dass das Präteritum vom Verb „verwenden“ einerseits „verwendete“ und andererseits „verwandte“ lauten kann. Der Duden macht da keinen Unterschied. Könnte ich also meine Verwandten auch als Verwendete bezeichnen?  Wenn sie mir von Nutzen waren, dann sollte das gehen. Kann ich Verwandte nochmal verwenden?

Das Gegenteil zu den Bekannten sind dann die Unbekannten, also Leute, die wir nicht kennen. Das sagt nur etwas über unser Wissen, aber nichts über diese Menschen selbst aus.

Bei Ungekannten ist das schon schlimmer. Die kennt keiner. Unverwendete sind halt einfach übrig, aber Unverwandte können einen wahrscheinlich schon ganz schön nerven. So wie dieser Text, der daher diesmal nur ganz kurz ist.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

 Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

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