Was isst Bernd?

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Bernd war früher ein ganz normaler Mensch. Er war unkompliziert. Auch was seine Ernährung betraf, hat er keine großen Umstände gemacht. Er hat das gegessen, was normale Menschen halt so essen. Hat es nicht übertrieben. Vieles schmeckte ihm, manches nicht. Wenn er zum Essen eingeladen war, brauchte man sich kaum Gedanken machen. Er aß das, was alle essen. Es waren immer schöne Gespräche bei Tisch. Alles war in Ordnung. Dann lernte er Maike kennen. Sie ist Veganerin. Das hat sie gleich gesagt, als Bernd sie uns vorstellte. Ja, war jetzt nicht ganz so einfach, für sie immer eine vegane “Extrawurst” zu organisieren und zuzubereiten. Aber was macht man nicht alles als sozial kompetenter Zeitgenosse. Schlimmer wurde es, als auch Bernd anfing zu konvertieren. Zuerst waren es nur seine schuldbewussten Blicke, wenn man ihm das Essen auf den Teller schöpfte. Später seine übertriebene Zurückhaltung und dann hatte die Gehirnwäsche vollends gegriffen. Es gab Belehrungen über Massentierhaltung, Energiebilanzen, Hunger in der Welt und den Klimaschutz. Zum Essen mussten jetzt die Verpackungen der verwendeten Zutaten aufbewahrt und vorgezeigt werden. Diese wurden dann ausgiebig studiert und ausgewertet. Ich legte meine gewohnten Tischsitten ab und begann bereits vor den Gästen zu essen. Bis die soweit waren, war alles kalt. Sinnvolle Gesprächsthemen gab es dann auch nicht mehr, wir mussten ja schließlich bekehrt werden. Also missionierte Bernd, was das Zeug hielt. Fleisch müsste doch nicht unbedingt aus Fleisch sein, argumentierte er. Die veganen Varianten würden genauso schmecken. An der Stelle hätte ich besser nicht einhaken sollen. Ich verstehe bis heute nicht, warum sich jemand etwas zusammenbasteln lässt, was nach Fleisch aussieht und wie Fleisch schmecken soll, wenn er eigentlich kein Fleisch essen will. Na, der Rest des Abends war gelaufen. Eigentlich waren wir schon kurz davor, den Kontakt zu Bernd und Maike zu beenden. Da passierte das Unglaubliche, eine Ironie des Schicksals: Maike hatte Bernd verlassen und war ausgerechnet mit einem Metzger durchgebrannt. Das hat unseren armen Bernd völlig aus der Bahn geworfen. Sämtliche Weltbilder stürzten ein. Da war einerseits der Trennungsschmerz. Für Maike hatte Bernd sein ganzes Leben umgekrempelt. Dann war da auch noch die Wut auf den Rivalen. Wie sollte er jetzt weiterleben? Und vor allem: Was sollte er jetzt essen? Weiter vegan, wie die verlogene Freundin? Wieder Fleisch und Wurst beim Metzger holen? Das ging auch nicht. In seiner Verzweiflung suchte Bernd nach etwas, was genau das Gegenteil von beidem ist. Er begann Lebensmittel zu verwenden, welche wie Obst, Gemüse oder Salat aussahen, aber aus Fleisch bestanden. So knetete er Gehacktes in die unterschiedlichsten Formen und aß es z.B. als Brötchen zum Frühstück. Ein Salat war grundsätzlich Fleischsalat und auch in der Obstschale lagen nur Würstchen. Bernd bedauerte es, dass die Lebensmittelindustrie hier noch gar nichts im Angebot hatte. So ein Erdbeerkuchen, der nach Erdbeeren schmeckt, aber zu 100 % aus Fleisch ist, so etwas gab es einfach nicht. Während Bernd als Veganer einige Pfunde verlor und kurz nach der Trennung noch mehr auszehrte, hatte er inzwischen wieder gut zu gelegt. Er war sogar mehr Bernd als früher, sogar sehr viel mehr. Die gesundheitlichen Probleme nahmen zu und schließlich musste er sich in Behandlung begeben. Er hat sich und sein Leben aber nun wieder im Griff, isst das, was normale Menschen halt so essen. Übertreibt es nicht. Vieles schmeckt ihm, manches nicht. Wenn er zum Essen eingeladen wird, braucht man sich kaum Gedanken machen. Er isst das, was alle essen. Es sind immer schöne Gespräche bei Tisch. Manchmal jedoch nimmt er sich eine Scheibe Wurst, dreht und faltet sie so, dass sie wie eine Blüte aussieht, schaut sie liebevoll an und meint: “Das gäbe einen schönen Salat.”

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

image_pdfimage_print

Burmesische Flugkühe

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Sie sind ja so süß, die burmesischen Flugkühe. Sie sind ja auch so zutraulich. Wenn sich so eine burmesische Flugkuh an einen schmiegt und dabei lieblich vor sich hin schmatzt, dann kann man einfach nicht anders, dann muss man sie ein wenig kraulen. Dann legt sie sich auf den Rücken und lässt sich noch den Bauch streicheln. Wenn sie genug hat, springt sie auf, nimmt hopsend Anlauf und fliegt davon. So sind sie halt, die burmesichen Flugkühe, sie haben ihren eigenen Kopf.

Ursprünglich hat sich die Flugkuh dem Menschen angeschlossen, weil sie Jagd auf Mücken gemacht hat, und als der Mensch sesshaft wurde und sich Schlafzimmer baute, gab es dort davon immer eine mehr, als man erlegen konnte.

Inzwischen geht aber kaum noch eine Flugkuh auf Mückenjagd. Die Tierfutterindustrie in Myanmar, der Heimat der burmesichen Flugkuh, hat sich voll auf das beliebte Haustier eingeschossen. Es gibt bald mehr verschiedene Nahrungsmittel für diese Lieblinge als für Menschen. Die Fernsehwerbung dafür lässt sich nur schwer von der für ein Sternerestaurant unterscheiden. Das Futter ist nicht das einzige Produkt, was ganz auf die possierlichen Tierchen und deren Stellung ausgerichtet ist. Da gibt es Pflegesets, Kuschelkörbchen und Landekissen. Was nicht direkt für das Tier verwendet werden kann, bekommt mindestens ein Bildchen als Aufdruck. Man kann Bettwäsche, T-Shirts und Mützen, Plüschtiere, Porzellan-Nippes und Abtreter in Form einer Flugkuh kaufen. Und erst die vielen Flugkuhvideos auf MooTube! Zum x-ten Mal tappt ein kleines Flugkälbchen durch die Bude und fällt über die eigenen Beine oder knallt bei den ersten Flugversuchen gegen die Zimmerpalme. Süß! Man müsste meinen, dass die Menschen mal irgendwann die Nase voll davon haben. Weit gefehlt!

Dabei sind die Viecher weder pflegeleicht noch gelehrig. Zumindest gehorchen sie nie. In der Mauser ist alles voller Federn. Das nächtliche Liebesspiel ist auch ziemlich nervig. Bei dem ganzen Gemuhe kann man kaum schlafen. Wenn sie draußen herumfliegen, klatscht auch schon hin und wieder ein grüner Fladen auf die Gartenbank des Nachbarn. Ach der soll sich nicht so haben. Man kann die Tiere nun mal nicht einsperren. Etwas zu schaffen machen die streunenden Flugkühe. Die bereiten gerade unter Bienenvölkern großen Schaden. Furchtbar sind auch Besitzer einer allzu großen Sammlung an Flugkühen. Der Gestank ist dann unerträglich. Die Ausscheidungen und Gebietsmarkierungen der Flugkühe sind aber auch so überall zu finden und zu riechen. Egal, ob man selbst so ein Tier hat oder nicht, man wird von ihrer Anwesenheit nicht verschont. Sie landen in fremden Gärten und auf fremden Häusern, erledigen dort ihr Geschäft, markieren das Revier, buddeln Blumenzwiebeln aus und hinterlassen ihre Federn. Von wegen “Haus”tier. Aber sprechen Sie bloß keinen Besitzer darauf an! Das ist nun mal die Natur der Tiere. Dabei gibt es die Tiere so in der Natur gar nicht. Unglaublich so etwas!
Zum Glück bleibt uns das alles erspart. Es gibt bei uns keine burmesichen Flugkühe.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

image_pdfimage_print

Früher war alles besser

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

frueherNa, der Spruch passt doch mal zu Einem, der tot ist. Aber um mich geht es ja gar nicht.

Eigentlich geht es um die Frage, ob es stimmt, dass früher alles besser war, wenn es doch “alle” sagen. Warum ruft keiner: “Heute ist alles besser!”, obwohl dies für die meisten Menschen zutrifft, oder: “Morgen wird alles besser!”? Gut, Letzteres ist sehr hypothetisch. Um daran zu glauben, müsste es einem heute schon sehr schlecht gehen, damit es morgen nur noch besser werden kann. So schlecht geht es uns aber nun auch wieder nicht. Aber wenn der Spruch “Früher war alles besser!” generationenübergreifend ist, dann ist es ja heute besser als morgen und das auch schon seit Jahrzehnten. Das wäre ja eine ständige Talfahrt und wir müssten doch schon langsam in einer Situation angekommen sein, an ein besseres Morgen glauben zu wollen.

Wie so vieles, ist diese Sicht nicht objektiv. Früher war nicht alles besser, früher waren wir jünger. Das war für uns selbst natürlich besser.

Man wächst in eine Welt hinein, die man erst einmal verstehen muss. In der eigenen Blüte glaubt man die Welt verstanden zu haben. Man glaubt als junger Mensch auf dem Zenit seiner Erkenntnis angelangt zu sein, dazu noch volljährig und frei vom elterlichen Gängelband. Die Natur vervollkommnet dies durch körperliche Topwerte: Sexuelle Reife und Leistungsfähigkeit, Kraft, Gesundheit und straffes Bindegewebe. Gesellschaftlich fällt meist noch der Abschluss der Ausbildung und die Wahl eines Partners in diese Zeit zwischen 20 und 30. Obwohl unsere Lebenserwartung weit über dem Doppeltem liegt, hat uns die Evolution nicht sehr viel mehr zugestanden. Die Zellregeneration klappt nicht mehr ganz. Die ersten Abnutzungen machen sich bemerkbar und die ersten “Zipperlein”.

[“Zipperlein” bezeichnete ursprünglich den Trippelschritt mancher Gichtkranker durch die sich krümmenden Zehen.]

Ja, ab 40 wächst dann langsam der Gedanke, dass es doch früher besser war, als man noch jung war. Das menschliche Hirn spielt seine Fähigkeiten beim Formen der Wahrnehmung aus und verherrlicht uns die Vergangenheit. Beispiel gefällig? Wer von den Herren noch der Wehrpflicht unterworfen war, wird es damals zu 99 % gehasst haben. Trotzdem werden heute auch etwa 99 % nur noch tolle Geschichten darüber zu erzählen haben. “Das waren noch Zeiten…” – verklärter Blick – “Herr Ober! Noch eine Runde!”

Früher war alles – anders. Für den, der Entwicklungen verschlafen hat und der im Zeitalter von Smartphones seine E-Mails nicht abruft, war es natürlich auch deswegen früher besser, als er noch mit Kassettenrecorder und Überspielkabel „up to date“ war.

Wenn wir das Heute objektiv sehen, müssen wir zugeben, dass wir es meist zu einem Wohlstand gebracht haben, von dem wir früher nicht zu träumen gewagt hätten. Hinzu kommen technische Fortschritte, die unser Leben vereinfachen und bereichern, sofern wir es uns nicht nehmen lassen, diese zu nutzen.

War denn nun früher alles besser oder nicht? Alles sicher nicht. Einiges vielleicht. Oder um es mit “Opa Hoppenstedt“ (Loriot) zu sagen: “Früher war mehr Lametta.”

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)
image_pdfimage_print

Fluch der Logik

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

FluchderLogikSie kennen das. Sie werden morgens wach und überlegen “Wo bin ich?”, vielleicht auch noch ”Wer bin ich?” aber sicher oft, “Welcher Wochentag ist heute?”. Das passiert oft im Bruchteil von Sekunden. So etwa geht es auch einem Computer beim Booten.

Die Entwicklung eines Menschen läuft ähnlich. Hier dauert die Beantwortung der Fragen manchmal Jahre und somit steht der Wochentag nicht mehr unter den Top 3. Der heranwachsende Mensch versucht sich in der Welt, in die er geworfen wurde (ich bitte die doppelte Bedeutung zu ignorieren), zu verstehen. Fragen stellt er durch Aktion und wartet die Antwort (Reaktion) ab. “Trial and error”, wie der Engländer sagen würde.

Mit der Zeit versteht man, was geht und was nicht. Das kann man noch ein paar Mal testen und wenn immer wieder das gleiche Ergebnis kommt, als Regel festschreiben. Dann ist die Abfolge logisch. Ein anderes Ergebnis kann dann ausgeschlossen werden.

Je mehr dieser Erkenntnisse man im Leben gewinnt, umso leichter wird es. Der alte Mann gilt dann als weise. Ein Ziel, das sich zu erreichen lohnt. – Oder vielleicht nicht?

Kleine Kinder kennen den Weihnachtsmann. Sie schreiben Wunschzettel. Genauso selbstverständlich beantworten sie Fragen von Großeltern, was sie sich von ihnen zu Weihnachten wünschen. Auch diese Dinge bringt dann manchmal der Weihnachtsmann.

Alles kein Problem, wenn man es mit der Logik nicht so genau nimmt.

Kinder können das. Sie können gleichzeitig einen Weihnachtsmann akzeptieren und von seiner Nichtexistenz überzeugt sein. Auch wenn das unlogisch ist, spiegelt es doch exakt den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema wider. Jeder wird die Existenz des Weihnachtsmanns leugnen, aber er ist trotzdem allgegenwärtig, erscheint in Kindergärten, auf Weihnachtsmärkten oder anderen Veranstaltungen. Ein logisch denkender Mensch käme damit nicht klar. Eine Maschine müsste “Error” anzeigen. Ein Kind hingegen kann sich den Luxus leisten zu “wissen”, dass der Weihnachtsmann nicht echt ist, aber gleichzeitig den Wunschzettel in dreifacher Ausfertigung einmal den Eltern in die Hand zu drücken, den Englein aufs Fensterbrett zu legen und per Briefpost an eines der offiziellen Himmelpforter Postämter zu schicken. Man kann ja nie wissen. Da geht es nicht um Logik. Logik ist hier eher hinderlich. Logik kann aber auch beim Erkenntnisgewinn hinderlich sein. Wie kann eine Erde rund sein, wenn doch da logischerweise die Menschen auf der anderen Seite herunterfallen müssten? Ja, jetzt lächeln Sie über die einfache Logik der Leute aus früheren Zeiten. Wenn ich Ihnen aber jetzt erkläre, dass es laut Quantentheorie logisch ist, dass eine Katze gleichzeitig tot und lebendig sein kann, dann werden Sie mir einen Vogel zeigen. Logik scheint eben doch nur dann zu funktionieren, wenn man die Voraussetzungen akzeptiert hat. Aber dann wären auch Religion und Kommunismus logisch. Wenn ich akzeptiere, dass es einen Gott gibt, dann muss der das alles so gewollt haben und es hat einen Sinn. Wenn ich akzeptiere, dass Menschen alle gleichgeschaltet werden wollen, dann gibt es nur eine Gesellschaftsform, die ideal für sie ist. Wenn ich akzeptiere, dass die Erde eine Scheibe ist, dann fallen alle Menschen auf der Unterseite natürlich runter. Vielleicht laufen sie aber auch auf den Händen. Man weiß es nicht. Logik auf Annahmen zu betreiben, seien sie auch noch so gefestigt, bringt nichts. Logik muss immer hinterfragen, auch wie fest ihr Fundament ist. Erst dann taugt der Aufbau etwas.

Bei Weihnachtsmann & Co. können Sie auch gern mal auf Logik verzichten. Logik kann einem auch den Spaß verderben. Gönnen Sie sich mal ein wenig unlogisches Verhalten. Das macht Sie als Menschen aus. Das unterscheidet Sie quasi von Ihrem Computer.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

image_pdfimage_print

Verwandte und Bekannte

verwandteVerwandte (zugewandt/zugehörig) und Bekannte (bekennen etwas getan zu haben)

Verwandte und Bekannte umfassen meist den Kreis von Menschen, die sich so im eigenen privaten Umfeld befinden.

Je nachdem, ob und wie wir unser privates Umfeld gestalten, sind uns diese Menschen mehr oder weniger sympathisch. Eine Aussage dazu treffen diese Begriffe nicht.

Verwandte sind halt die, die wir schon immer kennen, weil sie am selben Stammbaum hängen. Bekannte sind die, die wir aus irgendeinem anderen Grund kennen. Meist geschieht das, weil es uns nützlich erscheint. Es müsste dann noch die geben, die wir früher gekannt haben. Das wären dann Gekannte. Wobei dies oftmals auch auf Verwandte zutrifft. Interessant ist übrigens, dass das Präteritum vom Verb „verwenden“ einerseits „verwendete“ und andererseits „verwandte“ lauten kann. Der Duden macht da keinen Unterschied. Könnte ich also meine Verwandten auch als Verwendete bezeichnen?  Wenn sie mir von Nutzen waren, dann sollte das gehen. Kann ich Verwandte nochmal verwenden?

Das Gegenteil zu den Bekannten sind dann die Unbekannten, also Leute, die wir nicht kennen. Das sagt nur etwas über unser Wissen, aber nichts über diese Menschen selbst aus.

Bei Ungekannten ist das schon schlimmer. Die kennt keiner. Unverwendete sind halt einfach übrig, aber Unverwandte können einen wahrscheinlich schon ganz schön nerven. So wie dieser Text, der daher diesmal nur ganz kurz ist.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

 Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

image_pdfimage_print

Leben mit Datensammlern

datensammlerJeden Tag gibt es neue Schlagzeilen über Ausspionierer und Datensammler. In den USA klagt eine Frau, weil der Hersteller ihres vernetzten(!) Vibrators die Zeiten und Intensitäten der Anwendung des Gerätes auf seinem Server loggt (Quelle: https://heise.de/-3324854). Jeden Tag geben Verbraucherschützer neue Warnungen heraus, wie gläsern unsere Persönlichkeiten durch die zugänglichen Daten werden. Meine Einkäufe und Webseitenbesuche werden analysiert, und ich bekomme dann genau auf mich zugeschnittene, personalisierte Werbung. Oh mein Gott, wie furchtbar! Jetzt könnten mich die Einblendungen vielleicht auch noch interessieren. Ja, Werbung kann nervig sein. Aber wie soll es denn anders gehen? Woher kennen Sie denn die Produkte, die Sie kaufen? Mir persönlich ist es schon lieber, wenn man mir Dinge vorschlägt, die mir vielleicht wirklich gefallen könnten. Das ist doch wie beim guten, alten “Tante-Emma-Laden”. Die Verkäuferin kennt ihre Kunden, kennt die Familie, weiß was sie wollen, und wenn es mal etwas Neues gibt, dann schlägt sie das vor: “Na, Herr Pfefferkorn, kommen am Wochenende wieder die Enkelkinder? Ich habe da hier ein kleines Schminkset für Prinzessinnen. Wäre das nicht mal was?” Bei einem älteren Herrn für Prinzessinnen-Schminksets zu werben, wäre ohne die Hintergrundinformationen eher verstörend. – “Gut, dass Sie mich daran erinnern, Frau Schulze! Wenn Sie meinen, dass das was ist, dann nehme ich zwei.”
Natürlich haben die Datensammelei und der “gläserne Bürger” nicht nur Einfluss auf gezielte Werbung. Auch staatliche Einrichtungen, Versicherungen und Arbeitgeber nutzen die verfügbaren Quelle. Da helfen auch keine Forderungen nach mehr Datenschutz. Die technische und die medial-soziale Entwicklung gehen hier viel zu schnell. Da muss man sich schon selbst helfen. Sie könnten nun z.B. einer amischen Gemeinde beitreten. Wem das jedoch ein zu radikaler Einschnitt in die gewohnte Lebensweise ist, der sollte sich mal überlegen, ob man die Datensammler nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen könnte. Sie können das von Ihnen digital entworfene Persönlichkeitsbild doch beeinflussen. Organisieren Sie einen Tauschring mit Freunden und einigen Sie sich, dass jeder immer für den anderen im Internet bestellt. Wenn Sie keine Freunde haben oder die Ihre Online-Apotheken-Bestellung partout nicht von ihrem Computer versenden wollen, dann hilft nur noch Verschleierungstaktik. Kaufen Sie regelmäßig ein paar Sport-Accessoires! Das könnte mal guten Einfluss auf Ihre Lebensversicherung haben. Wenn Sie auf Jobsuche sind, schreiben Sie ruhig ein paar Haterkommentare auf Gewerkschaftsseiten! Schicken Sie wahllos Freundschaftsanfragen an Leute mit vielen Freunden! Irgendwer beißt immer an. Mit der Zeit haben Sie dann doch einen (fast) echten Freundeskreis. Machen Sie sich noch interessanter, indem Sie sich bei solch tollen Facebook-Gruppen anmelden, wie “Männer in Strings sind cool”! Vergessen Sie nicht, dass auch Kommentare in Onlineshops ein probates Mittel sind, um sein Onlineprofil aufzupeppen! Es darf durchaus auch etwas dekadent sein. Am besten hier:
Waterman Füllfederhalter Exception Precious Metals Massivgold für “nur” 5.851,
[edit: Der Schnäppchenanbieter ist raus. Der Tagespreis des Artikels liegt heute bei 24.771,25 EUR + GRATIS Lieferung]
Solche Angebote werden extra nur für Kommentare gemacht. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

image_pdfimage_print

Der Weg ist das Ziel

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

wegistZielDer Spruch “Der Weg ist das Ziel” erschien mir als Kind und auch noch als Jugendlicher ziemlich sinnlos. Damit konnte ich nichts anfangen. Später jedoch reifte der Gedanke, dass da doch etwas dran sein muss.

Die Motorradfahrer unter meinen Lesern haben da z. B. schon eher eine praktische Deutung. Die meisten betreiben das Fahren eines motorisierten Zweirades als reines Hobby. Es geht um das Fahren und nicht darum, von A nach B zu gelangen. Start und Ziel sind meist identisch.

Im “richtigen” Leben klappt das allerdings nicht ganz. Der Start ist die Geburt. Sie können es drehen wie Sie wollen, aber das “Ziel” bleibt ganz unvermeidlich das Ableben, der Tod. Dieses Ziel möchte man eigentlich gar nicht wirklich erreichen. Alle wollen alt werden, aber keiner älter.

Sie kennen vielleicht den Minicartoon (Quelle: unbekannt): Ein junges Paar schwört sich ewige Liebe und Treue und möchte zusammen alt werden. Es kommt eine gute Fee und weil die beiden sich so lieben, erfüllt sie den Wunsch – sofort.

Wir wollen das ultimative Ziel eigentlich gar nicht erreichen. Was bleibt dann? Der Weg. Es ist unser Weg durch das Leben, es sind die Zwischenstopps, die Etappenziele, die uns erfüllen können. Es geht darum, diese Wegstücke bewusst zu erleben. Fahren Sie nicht nur per Express durch ihr Leben! Nehmen Sie auch mal den Bummelzug! Schauen Sie bei dieser Bahnfahrt mal aus dem Fenster! Wechseln Sie das Abteil und treffen Sie andere Menschen! Leben Sie so, wie Sie gern gelebt haben wollen, wenn Sie angekommen sind. Stellen Sie sich vor, wo Sie sein wollen, wenn Sie am Ziel sind. Nun wählen Sie den Weg, der dahin führt!

Wenn Sie in einem Haus am See viele Enkel sehen wollen, dann sollten Sie sich vielleicht erst einmal einen Partner suchen und eine Familie mit Kindern gründen. Genießen Sie das Babygeschrei! Es wandelt sich in ein “Nein” der “terrible Twos”. Genießen Sie auch das! Man kann damit leichter zurechtkommen, als mit dem “Lass mich in Ruhe!” eines Teenagers. Nehmen Sie aber auch das gelassen und bewusst in sich auf. Es fehlt dann, wenn es im Haus ruhiger geworden ist, weil der Nachwuchs eigene Wege geht. Wenn Sie alles richtig gemacht haben und sich ihre Kinder gern an Sie erinnern, bekommen Sie sie und die Enkel dann auch öfter zu sehen. So ist das Leben. So ist der Weg. Er ist das eigentliche Ziel.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

image_pdfimage_print