Wenn man nichts zu sagen hat, dann sollte man das auch tun

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Es ist inzwischen schon zu einer Angewohnheit von mir geworden, jeden Monat am Dreizehnten über ein Thema vom Leder zu ziehen. Stoff hatte ich immer genug, sodass es meist reichlich Vorlauf gab. Zu den Dingen, die ich schon immer loswerden wollte, gesellten sich die Dinge, die für neue Erregung sorgten. Zuletzt habe ich mir allerdings immer öfter Gedanken gemacht, was ich denn mal noch auf die Schippe nehme. Immer öfter leerte sich die Warteschlange mit den geplanten Artikeln. Ich war kurz davor, mir selbst Druck zu machen, weil der nächste Termin heranrückte. Ein Termin, dessen Grundlagen eine Idee und etwas Gewohnheit sind. Er hat also gar keine Relevanz.

Manchmal gibt es eben gerade nichts zu sagen. Oft fragt man am Telefon einen Bekannten, was es Neues gäbe, und manchmal ist die Antwort: “Ach, eigentlich nichts”. Das ist, zugegeben, langweilig und kann abweisend klingen. Falls das letzte Gespräch schon ein ganzes Jahr her ist, stimmt Letzteres sicher auch und man sollte auflegen. Hat man aber erst vor drei Tagen telefoniert, dann ist eben vielleicht nichts passiert, worüber es sich zu reden lohnt. Man würde sich auch ziemlich veräppelt fühlen, wenn der andere voller Begeisterung antwortet: “Du, ich war gestern einkaufen. Ich habe ungelogen Mehl, Zucker und Äpfel mitgenommen und dann ist mir was passiert, das glaubst du nicht. Ich stehe an der Kasse und da fällt mir doch ein, dass ich noch Spülmittel brauche. Also: Ich war hin- und hergerissen, ob ich nochmal zurückgehe. Den ganzen Weg nur wegen Spülmittel? Ich komme dadurch noch später nach Hause. Aber die Flasche zu Hause war leer. Man weiß ja nie, ob man nicht ganz dringend mal Spülmittel braucht. Dann hat man keins da. Was dann? Oh Gott! Ich habe dann erstmal ein junges Paar mit einem Paket Windeln vorgelassen. Eine ältere Frau hat mich gefragt, ob sie mir helfen kann. Ich war ja völlig verwirrt. Das hat man mir sicher angesehen. Zum Glück war dann in Kassennähe ein Aufsteller mit den aktuellen Angeboten und da war auch Spülmittel dabei. Ich sage dir, da war ich aber froh. Wer weiß, was sonst passiert wäre? Und bei dir so?” – “Ja, muss halt!”

Man braucht nicht immer etwas sagen, wenn es nichts gibt. Daran werde ich mich in Zukunft auch halten und wenn mal ein Monat verstreicht, an dem ich nichts zu melden habe, dann ist das eben so. Dann mache ich das und publiziere das Nichts nicht.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)
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Kaffeemaschine am Feldrand

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Ein ungewöhnliches Bild bot sich mir vor kurzem: Am Feldrand neben der Straße lag eine Kaffeemaschine. Wenn es sich nicht um einen Bausatz gehandelt hat, dann war sie offensichtlich nicht mehr funktionsfähig, denn genau genommen lag da keine Kaffeemaschine, sondern es lagen nur Einzelteile einer Kaffeemaschine.

Da stellt sich natürlich die Frage, wie denn eine Kaffeemaschine, abseits jeder Wohngegend, an einen Feldrand kommt. Vielleicht war es ja der Anfang und das Ende einer Liebesbeziehung. ER (Stadtmensch) will SIE (vom Dorf) erobern und lädt sie zu einem Picknick ein. Es soll natürlich an nichts fehlen und auch der Komfort darf keine Wünsche offen lassen. Endlich kann er seinen SUV auch einmal außerhalb der Stadt benutzen und mal probieren, ob das mit dem Allrad wirklich etwas ausmacht. In den Kofferraum wird alles gepackt, was man zu einem gepflegten Picknick braucht. Ein frisch gebrühter Kaffee gehört natürlich dazu. Also kommt auch die Kaffeemaschine mit. Unser urbaner Romeo hat allerdings nicht bedacht, dass es in der Natur nur selten Steckdosen gibt. Das kennt er ja auch nicht. Das Unheil nimmt an dem Punkt schon seinen Lauf.

Er holt seine Angebetete, wie vereinbart, am frühen Nachmittag in dem kleinen Ort ab. Er ist zwar 10 Minuten zu spät, da das Navi die Hauptstraße in mehreren der eingemeindeten Dörfer gefunden und er sich zunächst spontan für den falschen entschieden hat. Aber das ist alles noch im Rahmen. Das Wetter ist perfekt. Heute scheint die Sonne wie sonst nur auf den bekannten Urlaubsinseln. Sie hat ihn schon erwartet. Ihren abwertenden Blick auf sein überdimensioniertes Fahrzeug deutet er falsch und ist weiterhin in bester Laune. Der mitgebrachte Blumenstrauß lässt die Verspätung schnell vergessen. Wieso riecht sie an den Blumen? Die riechen doch nach nichts. “Ich stell sie nur noch schnell ins Wasser”, sagt sie und geht noch einmal zurück in Haus. Mit ihrem bunten Kleid fällt sie zwischen all den Blumen im Vorgarten kaum auf. Er muss niesen. Im Handschuhfach ist zum Glück sein Inhalator.

Als sie wiederkommt, geht es los. Sie lotst ihn ein paar sehr schmale Wege entlang. Häuser gibt es hier nicht mehr, und auf der Fahrbahn ist auch nur noch Schotter und später nicht einmal der. Sein armes Auto. Mitten im Nichts ruft sie: “Hier!”. “Hier?”, fragt er zurück. “Aber hier ist doch nichts.” Das Navi zeigt schon seit einer Viertelstunde nichts mehr an und wiederholt monoton die Bitte zur markierten Route zurückzukehren. Zum Glück ist der Ton aus. Verzweifelt sucht er nach einem Parkplatz, einer Raststätte oder irgendetwas, wo man sein Fahrzeug parken und Platz nehmen kann. “Halt doch endlich an!” “Wo denn?” “Na, einfach hier.”

Er bringt das Fahrzeug zum Stehen. Gut, wem soll es hier auch im Weg stehen. Als er aussteigt, stellt er fest, dass es schräg steht. Hat auch ganz schön geschaukelt unterwegs. Hoffentlich ist die Milch nicht ausgelaufen. Er öffnet den Kofferraum und holt die Spezial-Picknickdecke mit Aluminium beschichteter Unterseite heraus und steht dann allerdings etwas unschlüssig herum. “Heute noch?”, fragt seine Traumfrau, und nachdem er über die Frage nachdenkend weiter unschlüssig stehen bleibt, nimmt sie ihm die Decke aus der Hand und breitet sie einfach irgendwo aus.

Romeo fasst sich und holt die mitgebrachten Schätze aus dem Auto. Blöd, dass die auf der Decke nicht stehen. Der Untergrund ist total uneben. Stell da mal ein Glas hin! Als er nach dem Einschenken des Sekts die Flasche umkippt und seiner Julia das schöne Kleid versaut, merkt auch er, dass ihre Laune sich merklich abgekühlt hat. Das muss jetzt der Imbiss reißen. Als er die Tüten der Backwaren GmbH auspackt, trat noch keine Besserung ein. Im Gegenteil. Irgendwas schien ihr auch daran nicht zu gefallen. Der perfekte Kaffee würde das schon richten. Er war im Büro für seinen perfekten Kaffee berühmt. Er hatte immer genau das richtige Verhältnis zwischen Wasser und Anzahl der Kaffeelöffel. Außerdem gab es noch sein Geheimnis. Er nahm niemals Leitungswasser, sondern kaufte reines Quellwasser im Karton. Damit würde er punkten, denn er hatte an alles gedacht: Kaffee, Wasser im Karton, Kaffeefilter und seine Lieblingskaffeemaschine. Vor den Augen der Angebeteten zelebrierte er nun seine Art, einen perfekten Kaffee zuzubereiten. Er wusste, wie man den Wasserkarton fachmännisch öffnet und das Wasser wie ein Barkeeper mit ausgestrecktem Arm treffsicher in den Tank laufen lassen kann. Auch das Einlegen des Filters in die Maschine war bei ihm ein Zusammenspiel aus Routine und Virtuosität. Das Abzählen der Kaffeelöffel zelebrierte er wie ein heiliges Ritual. Wenn er nicht so überzeugt von sich gewesen wäre, hätte er vielleicht die finsteren Wolken bemerkt, die sich immer dichter über ihm zusammen zogen. Dabei war das Wetter immer noch perfekt. Nur Julia drohte langsam zu explodieren.

Dann kam der Moment, an dem die Kaffeemaschine hätte eingeschaltet werden müssen. Dass der Stecker noch nicht das passende Gegenstück hatte, war dem Romeo in dem Moment auch klar. Hilflos hielt er ihn in der Hand und sah sich um. “Wo ist denn hier der Strom?” Das war das Streichholz am Pulverfass. Die junge Dame konnte nicht mehr an sich halten und eröffnete, was sie von ihm hielt. Viele Dinge verstand er nicht, aber ganz grob lief es wohl darauf hinaus, dass aus der Beziehung nichts wird, sein ganzer Aufwand umsonst war und der Auslöser was mit der Kaffeemaschine zu tun hatte.

Sie stapfte einfach davon. Er rief ihr nach, wollte ihr folgen, konnte aber unmöglich seine Sachen zurücklassen. Also packte er alles wieder in den Kofferraum. Als er aufsah, konnte er sie nicht mehr sehen. Er fuhr los und hatte Glück. Bereits nach einer halben Stunde hatte das Navi eine bekannte Straße entdeckt und lotste Romeo in die sichere Stadt zurück. Unterwegs fiel sein Blick auf die Kaffeemaschine neben ihm. Wütend warf er sie aus dem Fenster, wo sie am Straßenrand in ihre Einzelteile zerfiel. ‘Kann die Stadtreinigung selber aufheben’, dachte er noch.

So oder ähnlich muss es gewesen sein. Eine Alternative wäre noch, dass es durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum eine Quantenverschiebung zwischen zwei Parallelwelten gab und die Kaffeemaschine jetzt in einem anderen Universum fehlt. Eine Möglichkeit, die sich nicht ganz ausschließen lässt.

Es gäbe auch noch die Variante, dass ein Riesenarschloch einfach seinen Müll aufs Feld geworfen hat. Aber das ist doch relativ unwahrscheinlich, da der Aufwand, den Müll bis aufs Feld zu fahren größer ist, als ihn kostenlos zur Sammelstelle für Elektronikschrott zu bringen oder einfach bei der nächsten Sammlung vor die Tür zu stellen.

Dann doch die Liebesgeschichte.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Die Jugend heutzutage

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Da las ich letztens etwas in der Art: “WIR hatten früher kein Internet und kein Smartphone. WIR hatten noch richtige Freunde, haben draußen gespielt und blabla…”.  Wo habe ich das gelesen? Auf Facebook! Es fehlte nur noch “von meinem iPhone gesendet” darunter. Ziemlich schizophren.

Aber ja dieser neumodische Internetkram und diese ganzen Smartphones heute. Das braucht keiner, weil es das früher auch nicht gab und da ging es ja schließlich auch. Das Zeug jetzt verdirbt die jungen Menschen nur. Man sieht ja, wo das hinführt.

Ein dazu passendes Zitat lautet: “Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.” Dieses Zitat stammt von keinem Geringeren als dem griechischen Philosophen Sokrates, welcher vor grob zweieinhalbtausend Jahren lebte.

Wir stellen also fest, dass die Jugend heutzutage im Prinzip genauso ist, wie die Jugend früher war. Sie können es mir glauben, dazwischen war sie auch so. Aber vielleicht ist es nur der immer gleiche Blickwinkel restaurativ denkender Geister, welche über den an ihnen vorbeiziehenden Fortschritt und die Jugend glauben urteilen zu müssen. Dabei vergessen die Helden des Präteritums, dass sie sich zu ihren eigenen Glanzzeiten ebenso verhalten haben und damals noch froh über alles Neue waren.

Zum schrägen Blickwinkel gehört aber sicher auch noch der Neid, weil man nicht mehr zur Jugend heutzutage gehört. Akzeptieren Sie ihr Alter einerseits und nehmen sie es andererseits nicht zum Vorwand, den Anschluss am Puls der Zeit zu verlieren! Up2date ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Einstellung. Danach richtet sich auch der Blick auf die Jugend heutzutage. Wenn es Sie beruhigt: Die sind auch bloß die Alten von Morgen 😉

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Die Axt im Haus erspart den Zimmermann

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Dieses Sprichwort aus alten Tagen will uns sagen, dass man Dinge auch selber erledigen kann. Dann hat man es einfacher, billiger und weniger Ärger mit Handwerkern. Ein Schuhmachermeister ist ja auch ein Handwerker. Doch Schuhmacher gibt es heute nur noch wenige. Die braucht kaum noch jemand. Gefragter sind Klempner, Elektriker oder Fliesenleger. Der Zimmermann rangiert da etwas dahinter. Leider lässt sich das Sprichwort nicht so einfach übertragen. Die Rohrzange im Haus erspart nicht den Klempner und der Phasenprüfer nicht den Elektriker. Da gehört schon etwas mehr dazu. Das ist ja auch richtig so. Allein mit dem geeigneten Werkzeug kann man keine Ausbildung und erst recht keine Erfahrung ausgleichen.

Wer also auf ein oder mehrere Gewerke angewiesen ist, wird sich aber wünschen, dass ihm das erspart bliebe. Im Geiste mag er vielleicht das Sprichwort ummünzen in: “Die Axt im Haus erspart den Scharfrichter”. Für die Jüngeren unter den Lesern: Der Scharfrichter hat früher Todesurteile vollstreckt, indem er die Leute geköpft hat. Der, der die Leute gehenkt hat (nicht “(auf)gehängt”, was aber mit der Schlinge um den Hals auf dasselbe heraus kommt), war der Henker. In der DDR gab es noch einen Witz, in dem man nun gefragt hat, wie denn der hieß, der die Leute wieder abgeschnitten hat. Antwort: der Abschnittsbevollmächtigte (offizielle DDR-Bezeichnung für den Ortpolizisten).

Ein weiteres Sprichwort lautet: „Handwerk hat goldenen Boden.“ Für das Schuhmacherhandwerk war der Boden eher aus unedlerem Metall. Aber ein guter Handwerker konnte zu jeder Zeit seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Man braucht Handwerker und ist oft von ihnen abhängig. Und das wissen sie. In der DDR hatte man ihre Anzahl künstlich verknappt. Damit stieg ihr Marktwert enorm. Denn auch im real existierenden Sozialismus wirkten die Regeln des Marktes. Das war nicht gewollt, aber ein Fakt. Was hatten es die Handwerker gut in der DDR. Sie wurden hofiert wie kleine Könige, bekocht, “geschmiert” und am Arsch geleckt. Sie bekamen begehrte Tauschobjekte nur für einen Termin. Bezahlt wurde sogar in “harter” Währung. Oder in der Pseudowährung “Forumscheck”. Das war ein Zahlungsmittel, welches man in der DDR gegen Devisen (i.d.R. DM) tauschen und dann damit in den “Intershops” bezahlen konnte. “Intershops” waren spezielle Läden, in denen es Produkte aus dem „Westen” gab. Durch das Zahlungsmittel “Forumscheck” gab es bald das geflügelte Wort: „Wie fragt ein Handwerker? – Forum geht es denn?”.

Ein “geflügeltes Wort”. Das ist ein Wort (oder eine Wortgruppe), die schnell (wie auf Flügeln) Verbreitung findet. Das ist quasi die Vorstufe zum Sprichwort. Ein Sprichwort ist eine als treffend empfundene Aussage von volkstümlich traditioneller Art, welche meist eine Lebensweisheit/-erfahrung darstellt und weitergegeben werden soll.

In unserer aktuellen Kultur gilt jemand, der seine Rede mit dieser Art Lebensweisheiten füllt, eher als Sprücheklopfer und nicht als guter Redner. In der asiatischen Kultur dagegen ist der ein guter Redner, der seine Aussagen mit Weisheiten schmücken kann. Hier haben Zitate alter Weisheiten noch einen guten Ruf. Dabei liegt es beim Zuhörer, den Sinn hinter dem Spruch zu suchen. Manches erschließt sich auch nicht gleich. Das Nachdenken darüber ist aber genauso wichtig und gehört zum Erkenntnisprozess.

Ich glaube nicht, dass sich einer von Ihnen schon mal einen Zimmermann durch eine Axt im Haus erspart hat. Trotzdem scheint der Sinn hinter dem Spruch zu funktionieren, sonst gäbe es keine Heimwerkermärkte. Aber lassen Sie ja die Finger von Strom und Gas! Sie kennen ja das Sprichwort: “Schuster, bleib deinen Leisten”.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Toleranz verraucht

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Beim Stichwort “Toleranz” muss ich immer an Raucher denken. Es ist jedoch nicht die Toleranz, die sie selbst für ihre Mitmenschen übrig haben. sondern die Toleranz, die sie ihren Mitmenschen vorschreiben. Es tut mir leid. Aber ich kann damit nicht dienen. Mein Verständnis von Toleranz geht mehr so in die Richtung: “Kann jeder für sich entscheiden, was ihn glücklich macht, solange er damit nicht andere belästigt”. Wenn ein alter Mann zu Hause nackt rumläuft, dann Bitteschön. Wenn er das auf einem Spielplatz macht, geht das nicht mehr in Ordnung. Von mir aus kann auch jemand den ganzen Tag laut Schlager hören oder Marschmusik. Aber bitte nicht in der Kleingartensiedlung. Verstanden? – Gut.

Es ist mir im Prinzip auch egal, ob jemand wie Helmut Schmidt (Sie kennen doch noch den 2015 im Alter von knapp 97 Jahren verstorbenen und kettenrauchenden Altbundeskanzler?) lebt oder nur auf ein bis zwei Schachteln die Woche kommt.

Das Problem: Ich werde in die Lebensweise dieser Menschen einbezogen, ob ich will oder nicht. Ich muss im selben Raum oder manchmal sogar im Freien dieselbe Droge mit konsumieren, obwohl ich die schon vor Jahrzehnten abgewählt habe. Meine Kleidung und mein Körper nehmen den Geruch eines Aschenbechers an. Das ist eklig. Ihr wisst es leider nicht, aber ihr könnt euch mit Duftwässern eindieseln, wie ihr wollt. Primär stinkt ihr nach altem Schornstein. Liebe Raucher, ihr braucht jetzt nicht an euch riechen. Euch fehlen die Möglichkeiten für einen normalen Geruchs- und Geschmackssinn. Die sind quasi taub. Ein ehemaliger Kollege hat sich mal bei mir entschuldigt, nachdem er mit dem Rauchen aufgehört hatte und sich seine Sinne wieder regenerierten. Jetzt erst merkte er, dass das ganze Zimmer auch schon stinkt, wenn jemand nach dem Rauchen herein kommt.

Jedes Mal, wenn ich von einer Feier komme, bei der geraucht wurde, kann ich die komplette Garderobe nur noch in die Wäsche geben. Hätte ich sicher auch so gemacht, aber das Zwischenlager wäre egal gewesen.

Um es mal deutlich zu machen: Es ist grundsätzlich so, dass Raucher etwas tun, was sie selbst so und zu jeder Gelegenheit tun wollen, es aber andere immer mit betrifft und diese immer etwas davon abbekommen, was den Rauchern aber egal ist. Selbst wenn ich zu jeder Gelegenheit etwas Knoblauch essen täte, dies bei mir Verdauungsprobleme verursachen würde und ich mitten in Gesellschaft dauernd einen fahren ließe, wäre das noch nicht einmal so schlimm. Davon stinken die Klamotten anderer nicht noch am nächsten Tag. Ich müsste dazu wenigstens noch eine Allergie entwickeln und meine Mitmenschen mit Auswurf vollnießen. Mit Rumfurzen und Vollnießen habe ich dann fast das Penetranzniveau eines Rauchers. Toleriert das noch jemand als normale Gesellschaft?

Leute, schnupft doch Kokain oder spritzt euch was. Da bin ich tolerant. Hauptsache, ich bleibe davon verschont.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Freilaufende Kinder

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Man kann es ja verstehen. Sie sind ja auch so süß, wenn sie klein sind. Trotzdem sollte man es sich schon gut überlegen, ob man sich Kinder anschafft. Die meisten Leute sind sich gar nicht bewusst, was es bedeutet, sich um so ein Wesen ständig kümmern zu müssen. Das wird auch nicht besser, wenn die größer werden. Im Gegenteil. Dann sind sie oft gar nicht mehr so süß. Wenn man da nicht gleich am Anfang mit der Erziehung alles richtig gemacht hat, machen sie was sie wollen.

Viele Menschen, die sich Kinder angeschafft haben, haben auch eigentlich gar keinen Platz in der Wohnung. So ein Kind braucht aber Auslauf. Also geht es raus in die Natur. Besonders an sonnigen Tagen sieht und hört man sie überall. Wiesen, Wege und Parks durchziehen ganze Horden von Leuten mit ihren Kindern. Wie gesagt, haben die meisten ihre Kinder gar nicht im Griff. Sie laufen vorbeikommenden Passanten vor den Füßen rum oder rennen abseits der Wege.

Ist man gerade mit seinem Hund spazieren, weiß man gar nicht, wie man das arme Tier beschützen soll, wenn da plötzlich so ein Kind neugierig angerannt kommt. Von wegen: Die wollen bloß spielen! Weiß man es? Die Eltern haben die doch selbst nicht unter Kontrolle. Ist es erst einmal zu spät, kommt dann nur ein: “Das hat es noch nie gemacht. Das muss an Ihrem Hund liegen. Er hat es provoziert.”

Sie müssen mal erleben, was passiert, wenn da zwei Kinder aufeinander treffen. Dann gibt es so richtig Geschrei. Die Eltern können diese oft nur mit Mühe auseinander bringen. Man kann sich dann ungefähr vorstellen, wie es ist, wenn denen was nicht passt und sie keiner zurück hält. Das ist kein Spiel mehr.

So richtig schlimm ist es, dass man auch noch überall auf die Hinterlassenschaften dieser Kinder trifft. Macht ein kleiner Hund beim Herumtollen auch nur ein paar Schritt durch den Grasstreifen neben dem Fußweg, kann es schon sein, dass er in einen frischen Haufen getreten ist. Das merkt man womöglich erst zu Hause, wenn auch noch die heimische Fußmatte damit verdreckt wurde. Das ist sowas von ekelhaft. Ich finde, Kinder dürfte nur haben, wer ein entsprechendes Grundstück besitzt. Dort könnten die Kinder dann frei herumlaufen und um die “Tretminen” müssten sich die eigenen Eltern selber kümmern. Problematisch finde ich noch, dass sich gerade junge Paare Kinder anschaffen. Wäre es nicht besser, sie legen sich einen Hund zu? So ein Kind ist doch kein richtiger Ersatz. Man ist ja auch total angebunden mit so einem Kind. Wenn man irgendwohin will, muss sich jemand darum kümmern und darauf aufpassen. Für weite Reisen mit dem Auto sind sie meist auch nicht geeignet. Man kann auch nicht jeden besuchen und einfach seine Kinder mitbringen. Manche Menschen sind sogar allergisch gegen die Haare. Doch oft ist das diesen Leuten mit Kindern alles egal. Hauptsache sie haben, was sie wollen. Ganz schön egoistisch, solche Leute mit Kindern.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Das gelbe Elend

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Die Justizvollzugsanstalt Bautzen ist ein Gebäudekomplex aus gelbem Backstein. Die Farbe der Steine lieferte den Attributsteil. Der Rest des Spitznamens “Gelbes Elend” erschließt sich dem geschätzten Leser sicher von selbst.

Doch mir geht es nicht um ein gelbes Elend mit dicken Mauern aus Stein. Mir geht es um eins mit dünnen Hüllen aus Kunststoff. Es geht mir um sehr dünne gelbe Folie, aus welcher die Behältnisse gefertigt werden, welche die Verpackungen des sogenannten “Dualen Systems” aufnehmen und bis zum Abtransport aufbewahren sollen. Dies sind die “Gelben Säcke”, die bereits mit dem zweiten Namensteil ein völlig falsches Bild zeichnen. Beutel oder Tüten wären treffender. Aus einem Bauchgefühl heraus würde ich vermuten, dass die Hersteller neue Rekorde erzielen wollen und aktuell nur noch Goldfolie dünner zu produzieren ist. Was man mit Kunststoff alles machen kann. Mit Kunststoff kann man auch sehr stabile und haltbare Dinge herstellen. Diesen Zweig der Entwicklung haben die Verantwortlichen jedoch nicht im Blick. Das macht natürlich Ruhm und Ehre bei der Erzeugung der wohl dünnsten Kunststoffsäcke der Welt wieder zunichte, denn das Zeug ist absolut nicht zu gebrauchen. Es kann seinen Zweck nicht erfüllen.

Es passiert immer wieder, dass bereits das Abtrennen eines Einzelstückes von der Rolle mit dessen Zerstörung endet. Hat man dann ein Exemplar erfolgreich in der Halterung zum Befüllen befestigt, darf man ja keine Verpackungen mit Ecken einwerfen. Aber der Quader ist nun einmal die aus logistischen Gründen häufigste Verpackungsvariante. Ich gehe davon aus, dass sich Milchkartons in Fußballform niemals durchsetzen werden. Sollte man beim Befüllen die Behutsamkeit eines Glasmalers an den Tag gelegt haben, kommt die nächste Hürde. Falls es einem gelingt, die Bändchen zum Schließen des Sackes aus den kaum noch zu erahnenden Öffnungen zu ziehen, hat man sie spätestens dann in der Hand, wenn man beide Seiten straff ziehen möchte. Wer auch hier noch Erfolg hatte, dem kann es dann noch passieren, dass der Sack beim Hinaustragen reißt und sich die löffelreinen Joghurtbecher von vor zwei Wochen samt Deckel zusammen mit den Hüllen der 127 einzeln verpackten Bonbons, den Trennfolien der Schinkenscheiben und der zerlegten Styroporverpackung eines neu erworbenen Gerätes über den Küchenboden verteilen. Im Idealfall. Alternativ passiert das bei Windstärke 6 auf dem Weg zum Gartentor. Hat man es wider Erwarten geschafft, seine gelben Säcke am Abholtag ordnungsgemäß abzulegen, kann es dann noch vorkommen, dass es die Jungs auf ihrer Tour nicht mehr geschafft haben, alles einzusammeln und erst am nächsten Tag kommen. Allerspätestens dann hat sich irgendein Getier über die Beutel hergemacht. Muss nicht einmal böse Absicht gewesen sein. Es wollte vielleicht nur spielen. Wird wahrscheinlich selber überrascht gewesen sein, wie schnell es an den Inhalt kam. Kaputt ist kaputt.

Warum, frage ich Sie und mich und die Verantwortlichen, macht man so einen Schrott? Erste, aber nicht beste Erklärung wäre, dass stabilere Säcke mehr Geld kosten. Die Säcke werden kostenlos verteilt. Sie sind ein reiner Kostenfaktor und müssen daher immer noch billiger hergestellt werden. Aber denkt doch mal nach! Wenn ich DREI Säcke verschleiße, um am Ende EIN brauchbares Behältnis zu bekommen, ist das viel teurer, als gleich ein doppelt so starkes und damit vielleicht stabiles Produkt zu verwenden. Auf lange Sicht wären sogar gelbe Tonnen preiswerter. Aber in längeren Zeiträumen denken wahrscheinlich nur die vom Gelben Elend mit den Steinmauern.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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