Die Jugend heutzutage

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Da las ich letztens etwas in der Art: “WIR hatten früher kein Internet und kein Smartphone. WIR hatten noch richtige Freunde, haben draußen gespielt und blabla…”.  Wo habe ich das gelesen? Auf Facebook! Es fehlte nur noch “von meinem iPhone gesendet” darunter. Ziemlich schizophren.

Aber ja dieser neumodische Internetkram und diese ganzen Smartphones heute. Das braucht keiner, weil es das früher auch nicht gab und da ging es ja schließlich auch. Das Zeug jetzt verdirbt die jungen Menschen nur. Man sieht ja, wo das hinführt.

Ein dazu passendes Zitat lautet: “Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.” Dieses Zitat stammt von keinem Geringeren als dem griechischen Philosophen Sokrates, welcher vor grob zweieinhalbtausend Jahren lebte.

Wir stellen also fest, dass die Jugend heutzutage im Prinzip genauso ist, wie die Jugend früher war. Sie können es mir glauben, dazwischen war sie auch so. Aber vielleicht ist es nur der immer gleiche Blickwinkel restaurativ denkender Geister, welche über den an ihnen vorbeiziehenden Fortschritt und die Jugend glauben urteilen zu müssen. Dabei vergessen die Helden des Präteritums, dass sie sich zu ihren eigenen Glanzzeiten ebenso verhalten haben und damals noch froh über alles Neue waren.

Zum schrägen Blickwinkel gehört aber sicher auch noch der Neid, weil man nicht mehr zur Jugend heutzutage gehört. Akzeptieren Sie ihr Alter einerseits und nehmen sie es andererseits nicht zum Vorwand, den Anschluss am Puls der Zeit zu verlieren! Up2date ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Einstellung. Danach richtet sich auch der Blick auf die Jugend heutzutage. Wenn es Sie beruhigt: Die sind auch bloß die Alten von Morgen 😉

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Die Axt im Haus erspart den Zimmermann

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Dieses Sprichwort aus alten Tagen will uns sagen, dass man Dinge auch selber erledigen kann. Dann hat man es einfacher, billiger und weniger Ärger mit Handwerkern. Ein Schuhmachermeister ist ja auch ein Handwerker. Doch Schuhmacher gibt es heute nur noch wenige. Die braucht kaum noch jemand. Gefragter sind Klempner, Elektriker oder Fliesenleger. Der Zimmermann rangiert da etwas dahinter. Leider lässt sich das Sprichwort nicht so einfach übertragen. Die Rohrzange im Haus erspart nicht den Klempner und der Phasenprüfer nicht den Elektriker. Da gehört schon etwas mehr dazu. Das ist ja auch richtig so. Allein mit dem geeigneten Werkzeug kann man keine Ausbildung und erst recht keine Erfahrung ausgleichen.

Wer also auf ein oder mehrere Gewerke angewiesen ist, wird sich aber wünschen, dass ihm das erspart bliebe. Im Geiste mag er vielleicht das Sprichwort ummünzen in: “Die Axt im Haus erspart den Scharfrichter”. Für die Jüngeren unter den Lesern: Der Scharfrichter hat früher Todesurteile vollstreckt, indem er die Leute geköpft hat. Der, der die Leute gehenkt hat (nicht “(auf)gehängt”, was aber mit der Schlinge um den Hals auf dasselbe heraus kommt), war der Henker. In der DDR gab es noch einen Witz, in dem man nun gefragt hat, wie denn der hieß, der die Leute wieder abgeschnitten hat. Antwort: der Abschnittsbevollmächtigte (offizielle DDR-Bezeichnung für den Ortpolizisten).

Ein weiteres Sprichwort lautet: „Handwerk hat goldenen Boden.“ Für das Schuhmacherhandwerk war der Boden eher aus unedlerem Metall. Aber ein guter Handwerker konnte zu jeder Zeit seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Man braucht Handwerker und ist oft von ihnen abhängig. Und das wissen sie. In der DDR hatte man ihre Anzahl künstlich verknappt. Damit stieg ihr Marktwert enorm. Denn auch im real existierenden Sozialismus wirkten die Regeln des Marktes. Das war nicht gewollt, aber ein Fakt. Was hatten es die Handwerker gut in der DDR. Sie wurden hofiert wie kleine Könige, bekocht, “geschmiert” und am Arsch geleckt. Sie bekamen begehrte Tauschobjekte nur für einen Termin. Bezahlt wurde sogar in “harter” Währung. Oder in der Pseudowährung “Forumscheck”. Das war ein Zahlungsmittel, welches man in der DDR gegen Devisen (i.d.R. DM) tauschen und dann damit in den “Intershops” bezahlen konnte. “Intershops” waren spezielle Läden, in denen es Produkte aus dem „Westen” gab. Durch das Zahlungsmittel “Forumscheck” gab es bald das geflügelte Wort: „Wie fragt ein Handwerker? – Forum geht es denn?”.

Ein “geflügeltes Wort”. Das ist ein Wort (oder eine Wortgruppe), die schnell (wie auf Flügeln) Verbreitung findet. Das ist quasi die Vorstufe zum Sprichwort. Ein Sprichwort ist eine als treffend empfundene Aussage von volkstümlich traditioneller Art, welche meist eine Lebensweisheit/-erfahrung darstellt und weitergegeben werden soll.

In unserer aktuellen Kultur gilt jemand, der seine Rede mit dieser Art Lebensweisheiten füllt, eher als Sprücheklopfer und nicht als guter Redner. In der asiatischen Kultur dagegen ist der ein guter Redner, der seine Aussagen mit Weisheiten schmücken kann. Hier haben Zitate alter Weisheiten noch einen guten Ruf. Dabei liegt es beim Zuhörer, den Sinn hinter dem Spruch zu suchen. Manches erschließt sich auch nicht gleich. Das Nachdenken darüber ist aber genauso wichtig und gehört zum Erkenntnisprozess.

Ich glaube nicht, dass sich einer von Ihnen schon mal einen Zimmermann durch eine Axt im Haus erspart hat. Trotzdem scheint der Sinn hinter dem Spruch zu funktionieren, sonst gäbe es keine Heimwerkermärkte. Aber lassen Sie ja die Finger von Strom und Gas! Sie kennen ja das Sprichwort: “Schuster, bleib deinen Leisten”.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Toleranz verraucht

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Beim Stichwort “Toleranz” muss ich immer an Raucher denken. Es ist jedoch nicht die Toleranz, die sie selbst für ihre Mitmenschen übrig haben. sondern die Toleranz, die sie ihren Mitmenschen vorschreiben. Es tut mir leid. Aber ich kann damit nicht dienen. Mein Verständnis von Toleranz geht mehr so in die Richtung: “Kann jeder für sich entscheiden, was ihn glücklich macht, solange er damit nicht andere belästigt”. Wenn ein alter Mann zu Hause nackt rumläuft, dann Bitteschön. Wenn er das auf einem Spielplatz macht, geht das nicht mehr in Ordnung. Von mir aus kann auch jemand den ganzen Tag laut Schlager hören oder Marschmusik. Aber bitte nicht in der Kleingartensiedlung. Verstanden? – Gut.

Es ist mir im Prinzip auch egal, ob jemand wie Helmut Schmidt (Sie kennen doch noch den 2015 im Alter von knapp 97 Jahren verstorbenen und kettenrauchenden Altbundeskanzler?) lebt oder nur auf ein bis zwei Schachteln die Woche kommt.

Das Problem: Ich werde in die Lebensweise dieser Menschen einbezogen, ob ich will oder nicht. Ich muss im selben Raum oder manchmal sogar im Freien dieselbe Droge mit konsumieren, obwohl ich die schon vor Jahrzehnten abgewählt habe. Meine Kleidung und mein Körper nehmen den Geruch eines Aschenbechers an. Das ist eklig. Ihr wisst es leider nicht, aber ihr könnt euch mit Duftwässern eindieseln, wie ihr wollt. Primär stinkt ihr nach altem Schornstein. Liebe Raucher, ihr braucht jetzt nicht an euch riechen. Euch fehlen die Möglichkeiten für einen normalen Geruchs- und Geschmackssinn. Die sind quasi taub. Ein ehemaliger Kollege hat sich mal bei mir entschuldigt, nachdem er mit dem Rauchen aufgehört hatte und sich seine Sinne wieder regenerierten. Jetzt erst merkte er, dass das ganze Zimmer auch schon stinkt, wenn jemand nach dem Rauchen herein kommt.

Jedes Mal, wenn ich von einer Feier komme, bei der geraucht wurde, kann ich die komplette Garderobe nur noch in die Wäsche geben. Hätte ich sicher auch so gemacht, aber das Zwischenlager wäre egal gewesen.

Um es mal deutlich zu machen: Es ist grundsätzlich so, dass Raucher etwas tun, was sie selbst so und zu jeder Gelegenheit tun wollen, es aber andere immer mit betrifft und diese immer etwas davon abbekommen, was den Rauchern aber egal ist. Selbst wenn ich zu jeder Gelegenheit etwas Knoblauch essen täte, dies bei mir Verdauungsprobleme verursachen würde und ich mitten in Gesellschaft dauernd einen fahren ließe, wäre das noch nicht einmal so schlimm. Davon stinken die Klamotten anderer nicht noch am nächsten Tag. Ich müsste dazu wenigstens noch eine Allergie entwickeln und meine Mitmenschen mit Auswurf vollnießen. Mit Rumfurzen und Vollnießen habe ich dann fast das Penetranzniveau eines Rauchers. Toleriert das noch jemand als normale Gesellschaft?

Leute, schnupft doch Kokain oder spritzt euch was. Da bin ich tolerant. Hauptsache, ich bleibe davon verschont.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Freilaufende Kinder

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Man kann es ja verstehen. Sie sind ja auch so süß, wenn sie klein sind. Trotzdem sollte man es sich schon gut überlegen, ob man sich Kinder anschafft. Die meisten Leute sind sich gar nicht bewusst, was es bedeutet, sich um so ein Wesen ständig kümmern zu müssen. Das wird auch nicht besser, wenn die größer werden. Im Gegenteil. Dann sind sie oft gar nicht mehr so süß. Wenn man da nicht gleich am Anfang mit der Erziehung alles richtig gemacht hat, machen sie was sie wollen.

Viele Menschen, die sich Kinder angeschafft haben, haben auch eigentlich gar keinen Platz in der Wohnung. So ein Kind braucht aber Auslauf. Also geht es raus in die Natur. Besonders an sonnigen Tagen sieht und hört man sie überall. Wiesen, Wege und Parks durchziehen ganze Horden von Leuten mit ihren Kindern. Wie gesagt, haben die meisten ihre Kinder gar nicht im Griff. Sie laufen vorbeikommenden Passanten vor den Füßen rum oder rennen abseits der Wege.

Ist man gerade mit seinem Hund spazieren, weiß man gar nicht, wie man das arme Tier beschützen soll, wenn da plötzlich so ein Kind neugierig angerannt kommt. Von wegen: Die wollen bloß spielen! Weiß man es? Die Eltern haben die doch selbst nicht unter Kontrolle. Ist es erst einmal zu spät, kommt dann nur ein: “Das hat es noch nie gemacht. Das muss an Ihrem Hund liegen. Er hat es provoziert.”

Sie müssen mal erleben, was passiert, wenn da zwei Kinder aufeinander treffen. Dann gibt es so richtig Geschrei. Die Eltern können diese oft nur mit Mühe auseinander bringen. Man kann sich dann ungefähr vorstellen, wie es ist, wenn denen was nicht passt und sie keiner zurück hält. Das ist kein Spiel mehr.

So richtig schlimm ist es, dass man auch noch überall auf die Hinterlassenschaften dieser Kinder trifft. Macht ein kleiner Hund beim Herumtollen auch nur ein paar Schritt durch den Grasstreifen neben dem Fußweg, kann es schon sein, dass er in einen frischen Haufen getreten ist. Das merkt man womöglich erst zu Hause, wenn auch noch die heimische Fußmatte damit verdreckt wurde. Das ist sowas von ekelhaft. Ich finde, Kinder dürfte nur haben, wer ein entsprechendes Grundstück besitzt. Dort könnten die Kinder dann frei herumlaufen und um die “Tretminen” müssten sich die eigenen Eltern selber kümmern. Problematisch finde ich noch, dass sich gerade junge Paare Kinder anschaffen. Wäre es nicht besser, sie legen sich einen Hund zu? So ein Kind ist doch kein richtiger Ersatz. Man ist ja auch total angebunden mit so einem Kind. Wenn man irgendwohin will, muss sich jemand darum kümmern und darauf aufpassen. Für weite Reisen mit dem Auto sind sie meist auch nicht geeignet. Man kann auch nicht jeden besuchen und einfach seine Kinder mitbringen. Manche Menschen sind sogar allergisch gegen die Haare. Doch oft ist das diesen Leuten mit Kindern alles egal. Hauptsache sie haben, was sie wollen. Ganz schön egoistisch, solche Leute mit Kindern.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Das gelbe Elend

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Die Justizvollzugsanstalt Bautzen ist ein Gebäudekomplex aus gelbem Backstein. Die Farbe der Steine lieferte den Attributsteil. Der Rest des Spitznamens “Gelbes Elend” erschließt sich dem geschätzten Leser sicher von selbst.

Doch mir geht es nicht um ein gelbes Elend mit dicken Mauern aus Stein. Mir geht es um eins mit dünnen Hüllen aus Kunststoff. Es geht mir um sehr dünne gelbe Folie, aus welcher die Behältnisse gefertigt werden, welche die Verpackungen des sogenannten “Dualen Systems” aufnehmen und bis zum Abtransport aufbewahren sollen. Dies sind die “Gelben Säcke”, die bereits mit dem zweiten Namensteil ein völlig falsches Bild zeichnen. Beutel oder Tüten wären treffender. Aus einem Bauchgefühl heraus würde ich vermuten, dass die Hersteller neue Rekorde erzielen wollen und aktuell nur noch Goldfolie dünner zu produzieren ist. Was man mit Kunststoff alles machen kann. Mit Kunststoff kann man auch sehr stabile und haltbare Dinge herstellen. Diesen Zweig der Entwicklung haben die Verantwortlichen jedoch nicht im Blick. Das macht natürlich Ruhm und Ehre bei der Erzeugung der wohl dünnsten Kunststoffsäcke der Welt wieder zunichte, denn das Zeug ist absolut nicht zu gebrauchen. Es kann seinen Zweck nicht erfüllen.

Es passiert immer wieder, dass bereits das Abtrennen eines Einzelstückes von der Rolle mit dessen Zerstörung endet. Hat man dann ein Exemplar erfolgreich in der Halterung zum Befüllen befestigt, darf man ja keine Verpackungen mit Ecken einwerfen. Aber der Quader ist nun einmal die aus logistischen Gründen häufigste Verpackungsvariante. Ich gehe davon aus, dass sich Milchkartons in Fußballform niemals durchsetzen werden. Sollte man beim Befüllen die Behutsamkeit eines Glasmalers an den Tag gelegt haben, kommt die nächste Hürde. Falls es einem gelingt, die Bändchen zum Schließen des Sackes aus den kaum noch zu erahnenden Öffnungen zu ziehen, hat man sie spätestens dann in der Hand, wenn man beide Seiten straff ziehen möchte. Wer auch hier noch Erfolg hatte, dem kann es dann noch passieren, dass der Sack beim Hinaustragen reißt und sich die löffelreinen Joghurtbecher von vor zwei Wochen samt Deckel zusammen mit den Hüllen der 127 einzeln verpackten Bonbons, den Trennfolien der Schinkenscheiben und der zerlegten Styroporverpackung eines neu erworbenen Gerätes über den Küchenboden verteilen. Im Idealfall. Alternativ passiert das bei Windstärke 6 auf dem Weg zum Gartentor. Hat man es wider Erwarten geschafft, seine gelben Säcke am Abholtag ordnungsgemäß abzulegen, kann es dann noch vorkommen, dass es die Jungs auf ihrer Tour nicht mehr geschafft haben, alles einzusammeln und erst am nächsten Tag kommen. Allerspätestens dann hat sich irgendein Getier über die Beutel hergemacht. Muss nicht einmal böse Absicht gewesen sein. Es wollte vielleicht nur spielen. Wird wahrscheinlich selber überrascht gewesen sein, wie schnell es an den Inhalt kam. Kaputt ist kaputt.

Warum, frage ich Sie und mich und die Verantwortlichen, macht man so einen Schrott? Erste, aber nicht beste Erklärung wäre, dass stabilere Säcke mehr Geld kosten. Die Säcke werden kostenlos verteilt. Sie sind ein reiner Kostenfaktor und müssen daher immer noch billiger hergestellt werden. Aber denkt doch mal nach! Wenn ich DREI Säcke verschleiße, um am Ende EIN brauchbares Behältnis zu bekommen, ist das viel teurer, als gleich ein doppelt so starkes und damit vielleicht stabiles Produkt zu verwenden. Auf lange Sicht wären sogar gelbe Tonnen preiswerter. Aber in längeren Zeiträumen denken wahrscheinlich nur die vom Gelben Elend mit den Steinmauern.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Was isst Bernd?

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Bernd war früher ein ganz normaler Mensch. Er war unkompliziert. Auch was seine Ernährung betraf, hat er keine großen Umstände gemacht. Er hat das gegessen, was normale Menschen halt so essen. Hat es nicht übertrieben. Vieles schmeckte ihm, manches nicht. Wenn er zum Essen eingeladen war, brauchte man sich kaum Gedanken machen. Er aß das, was alle essen. Es waren immer schöne Gespräche bei Tisch. Alles war in Ordnung. Dann lernte er Maike kennen. Sie ist Veganerin. Das hat sie gleich gesagt, als Bernd sie uns vorstellte. Ja, war jetzt nicht ganz so einfach, für sie immer eine vegane “Extrawurst” zu organisieren und zuzubereiten. Aber was macht man nicht alles als sozial kompetenter Zeitgenosse. Schlimmer wurde es, als auch Bernd anfing zu konvertieren. Zuerst waren es nur seine schuldbewussten Blicke, wenn man ihm das Essen auf den Teller schöpfte. Später seine übertriebene Zurückhaltung und dann hatte die Gehirnwäsche vollends gegriffen. Es gab Belehrungen über Massentierhaltung, Energiebilanzen, Hunger in der Welt und den Klimaschutz. Zum Essen mussten jetzt die Verpackungen der verwendeten Zutaten aufbewahrt und vorgezeigt werden. Diese wurden dann ausgiebig studiert und ausgewertet. Ich legte meine gewohnten Tischsitten ab und begann bereits vor den Gästen zu essen. Bis die soweit waren, war alles kalt. Sinnvolle Gesprächsthemen gab es dann auch nicht mehr, wir mussten ja schließlich bekehrt werden. Also missionierte Bernd, was das Zeug hielt. Fleisch müsste doch nicht unbedingt aus Fleisch sein, argumentierte er. Die veganen Varianten würden genauso schmecken. An der Stelle hätte ich besser nicht einhaken sollen. Ich verstehe bis heute nicht, warum sich jemand etwas zusammenbasteln lässt, was nach Fleisch aussieht und wie Fleisch schmecken soll, wenn er eigentlich kein Fleisch essen will. Na, der Rest des Abends war gelaufen. Eigentlich waren wir schon kurz davor, den Kontakt zu Bernd und Maike zu beenden. Da passierte das Unglaubliche, eine Ironie des Schicksals: Maike hatte Bernd verlassen und war ausgerechnet mit einem Metzger durchgebrannt. Das hat unseren armen Bernd völlig aus der Bahn geworfen. Sämtliche Weltbilder stürzten ein. Da war einerseits der Trennungsschmerz. Für Maike hatte Bernd sein ganzes Leben umgekrempelt. Dann war da auch noch die Wut auf den Rivalen. Wie sollte er jetzt weiterleben? Und vor allem: Was sollte er jetzt essen? Weiter vegan, wie die verlogene Freundin? Wieder Fleisch und Wurst beim Metzger holen? Das ging auch nicht. In seiner Verzweiflung suchte Bernd nach etwas, was genau das Gegenteil von beidem ist. Er begann Lebensmittel zu verwenden, welche wie Obst, Gemüse oder Salat aussahen, aber aus Fleisch bestanden. So knetete er Gehacktes in die unterschiedlichsten Formen und aß es z.B. als Brötchen zum Frühstück. Ein Salat war grundsätzlich Fleischsalat und auch in der Obstschale lagen nur Würstchen. Bernd bedauerte es, dass die Lebensmittelindustrie hier noch gar nichts im Angebot hatte. So ein Erdbeerkuchen, der nach Erdbeeren schmeckt, aber zu 100 % aus Fleisch ist, so etwas gab es einfach nicht. Während Bernd als Veganer einige Pfunde verlor und kurz nach der Trennung noch mehr auszehrte, hatte er inzwischen wieder gut zu gelegt. Er war sogar mehr Bernd als früher, sogar sehr viel mehr. Die gesundheitlichen Probleme nahmen zu und schließlich musste er sich in Behandlung begeben. Er hat sich und sein Leben aber nun wieder im Griff, isst das, was normale Menschen halt so essen. Übertreibt es nicht. Vieles schmeckt ihm, manches nicht. Wenn er zum Essen eingeladen wird, braucht man sich kaum Gedanken machen. Er isst das, was alle essen. Es sind immer schöne Gespräche bei Tisch. Manchmal jedoch nimmt er sich eine Scheibe Wurst, dreht und faltet sie so, dass sie wie eine Blüte aussieht, schaut sie liebevoll an und meint: “Das gäbe einen schönen Salat.”

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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Burmesische Flugkühe

Aus der Rubrik „Karl Pfefferkorn (1897-1961) zieht vom Leder

Sie sind ja so süß, die burmesischen Flugkühe. Sie sind ja auch so zutraulich. Wenn sich so eine burmesische Flugkuh an einen schmiegt und dabei lieblich vor sich hin schmatzt, dann kann man einfach nicht anders, dann muss man sie ein wenig kraulen. Dann legt sie sich auf den Rücken und lässt sich noch den Bauch streicheln. Wenn sie genug hat, springt sie auf, nimmt hopsend Anlauf und fliegt davon. So sind sie halt, die burmesichen Flugkühe, sie haben ihren eigenen Kopf.

Ursprünglich hat sich die Flugkuh dem Menschen angeschlossen, weil sie Jagd auf Mücken gemacht hat, und als der Mensch sesshaft wurde und sich Schlafzimmer baute, gab es dort davon immer eine mehr, als man erlegen konnte.

Inzwischen geht aber kaum noch eine Flugkuh auf Mückenjagd. Die Tierfutterindustrie in Myanmar, der Heimat der burmesichen Flugkuh, hat sich voll auf das beliebte Haustier eingeschossen. Es gibt bald mehr verschiedene Nahrungsmittel für diese Lieblinge als für Menschen. Die Fernsehwerbung dafür lässt sich nur schwer von der für ein Sternerestaurant unterscheiden. Das Futter ist nicht das einzige Produkt, was ganz auf die possierlichen Tierchen und deren Stellung ausgerichtet ist. Da gibt es Pflegesets, Kuschelkörbchen und Landekissen. Was nicht direkt für das Tier verwendet werden kann, bekommt mindestens ein Bildchen als Aufdruck. Man kann Bettwäsche, T-Shirts und Mützen, Plüschtiere, Porzellan-Nippes und Abtreter in Form einer Flugkuh kaufen. Und erst die vielen Flugkuhvideos auf MooTube! Zum x-ten Mal tappt ein kleines Flugkälbchen durch die Bude und fällt über die eigenen Beine oder knallt bei den ersten Flugversuchen gegen die Zimmerpalme. Süß! Man müsste meinen, dass die Menschen mal irgendwann die Nase voll davon haben. Weit gefehlt!

Dabei sind die Viecher weder pflegeleicht noch gelehrig. Zumindest gehorchen sie nie. In der Mauser ist alles voller Federn. Das nächtliche Liebesspiel ist auch ziemlich nervig. Bei dem ganzen Gemuhe kann man kaum schlafen. Wenn sie draußen herumfliegen, klatscht auch schon hin und wieder ein grüner Fladen auf die Gartenbank des Nachbarn. Ach der soll sich nicht so haben. Man kann die Tiere nun mal nicht einsperren. Etwas zu schaffen machen die streunenden Flugkühe. Die bereiten gerade unter Bienenvölkern großen Schaden. Furchtbar sind auch Besitzer einer allzu großen Sammlung an Flugkühen. Der Gestank ist dann unerträglich. Die Ausscheidungen und Gebietsmarkierungen der Flugkühe sind aber auch so überall zu finden und zu riechen. Egal, ob man selbst so ein Tier hat oder nicht, man wird von ihrer Anwesenheit nicht verschont. Sie landen in fremden Gärten und auf fremden Häusern, erledigen dort ihr Geschäft, markieren das Revier, buddeln Blumenzwiebeln aus und hinterlassen ihre Federn. Von wegen “Haus”tier. Aber sprechen Sie bloß keinen Besitzer darauf an! Das ist nun mal die Natur der Tiere. Dabei gibt es die Tiere so in der Natur gar nicht. Unglaublich so etwas!
Zum Glück bleibt uns das alles erspart. Es gibt bei uns keine burmesichen Flugkühe.

Euer Karl Pfefferkorn

Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Karl Pfefferkorn (1897-1961)

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